20.09.2026
4. Spieltag Bundesliga
FC Schalke 04 - SV Elversberg
Arena Auf Schalke
Endergebnis: 0:0
Zuschauer: 61.554 (2.300 Gäste)
Ticket: 20,35€
Etwas wird dann alltäglich, wenn es zur regelmäßigen Gewohnheit wird, seinen Reiz oder die Neuheit verliert und ohne großes Nachdenken wiederholt wird. Für kleine, alltägliche Dinge oder Abläufe stellt sich die Gewohnheit meist nach etwa 66 Tagen ein, je nach wissenschaftlicher Lesart auch bereits etwas früher. Wie oft muss man also ein Stadion besuchen, bis genau diese Gewohnheit eintritt? Eine Frage, die ich mir bei Heimspielen ehrlicherweise noch nie stellen musste. Die heimischen Traversen nenne ich deshalb nicht einfach nur so, sie sind es wirklich. Heimat, im eigenen Dorf. Spielplatz in Kindertagen, ein Ort der Ausnüchterung während einiger durchzechter Nächte sowie Zufluchtsort vor dem teils erdrückenden Alltag alle zwei Wochen. Ein Ort, an dem Freunde und Familie niemals weiter als ein paar Meter vor mir entfernt genau dem gleichen Hobby nachgehen, das uns alle eint.
Sportplätze, Stadien und Arenen außerhalb waren da schon immer eine andere Kategorie. Dort bist du eben nicht ganz so häufig, aber jahrelang zumindest regelmäßig aufgeschlagen. Und natürlich prägen sich auch die dortigen Traversen und Gästeblöcke ein. Man kennt eben das Moselstadion in Trier, das Wormatia-Stadion in Worms und auch das Möslestadion in Freiburg quasi in- und auswendig. Aus diesem Alltag durften wir in den vergangenen Jahren ausbrechen. Wieder quer durch Deutschland, hin zu neuen Städten, neuen Stadien und neuen Perspektiven. Hinauf in die dritte Liga, dann sogar bis in die Zweite. Nun sogar ganz hoch hinaus ins Oberhaus. Eine Utopie sondergleichen – und dennoch war er ganz plötzlich wieder da, der Alltag.
Zum vierten Mal in vier Jahren Schalke auswärts, zum achten Mal für mich persönlich insgesamt. Zur blauen Arena im Pott, dem Wallfahrtsort der königsblauen Anhänger, die den Fußball im Kollektiv mit einer Leidenschaft atmen, wie man sie andernorts nur selten findet. Ein waschechter Hexenkessel und steter Traum, hier mit den eigenen Farben einmal zu stehen. Und doch durchflutete mich beim Betreten der gigantischen Bude vor allem dieser eine Gedanke: War ich nicht gerade erst hier? Bekannt waren die Wege, sowohl von der Autobahn zum Parkplatz als auch per Pedes zum Gästeblock. Unheimlich vertraut der Blick in die gigantische Schüssel, die sich am späten Sonntagnachmittag langsam füllte. Ja, es war irgendwie nichts mehr Besonderes.

Wahnsinn, wie schnell man sich an Dinge gewöhnen kann. Wie schnell der Reiz des Neuen dann doch verloren gehen kann. Da spielst du vor über 61.000 Zuschauern Auf Schalke und der Kopf sagt: Jep, so isses, das ist deine Normalität. Dein Alltag. Jede zweite Woche. Recht wertungsfrei und mit einigem Abstand betrachtet ist es natürlich absoluter Wahnsinn, dass sich genau solche Gedanken einschleichen können. Was muss das nur für eine überirdische Leistung gewesen sein, mit der uns die SVE in den letzten Jahren beglückte, dass es einmal so weit kommt? Eine, die man wohl niemals hoch genug würdigen kann!
Höchst erfreulich war an diesem Sonntag zu einer für ein Auswärtsspiel beschissenen Anstoßzeit hauptsächlich die dennoch bockstarke Anzahl Elversberger im Gästeblock. Über 2.300 verkaufte Karten sind schlichtweg Wahnsinn, wenngleich das Gros der Anwesenden nicht wirklich zu einem stimmungsvollen Auftritt des Gästeblocks beitrug. Klar, gegen die blau-weiße Wand hatte der schwarz-weiße Mob nicht den Hauch einer Chance, allerdings waren Beteiligung und Lautstärke durch die Bank die schlechtesten in der Arena in den bisherigen vier Gastspielen. Kein Vergleich zum Sahneauftritt in Gladbach vor zwei Wochen, sondern eher ein müder Sing-Sang ohne Durchschlagskraft. Da geht hoffentlich bei den kommenden Auswärtsauftritten nochmal deutlich mehr!
Schalke hingegen wie gewohnt auf sehr starkem Niveau, wenngleich die letzte Schippe auch hier durch den Tag fehlte. Eine kleine optische Aktion im Bereich der Hugos („Fünfzehn Jahre Freiheit durch Chaos“) aus zahlreichen Fahnen und Luftballons bildete einen Farbtupfer, während auch der restliche Tifo der Nordkurve erwartbar begeisterte. Starke Beteiligung insbesondere bei Klatsch- und Sprungeinlagen, wobei vor allem der Pogo zu „Ins Stadion geh’n – im Pappbecher Bier“ hängen blieb. Ein ultrageiles Lied! Die restliche Bude wurde vor allem im zweiten Durchgang zum Mitmachen animiert und sorgte somit für einige ohrenbetäubende Momente, die unterm Strich leicht unter dem Eindruck aus der letzten Saison rangierten. Gewohnt stark eben, wie erwartet.

Auf dem Rasen wurde feinste Kost für alle Anhänger von strukturiertem Defensivfußball serviert. Oder auch: Spannend war es, hängen blieb allerdings keine Szene. Zu Gute halten muss man beiden Mannschaften den disziplinierten Auftritt sowie die Tatsache, dass hinten die Null stehen blieb. Für Elversberg in dieser Saison immerhin auch eine Premiere. Und, ganz ehrlich: Über den Erwartungen performt die SVE auch im aktuellen Zustand erneut. Da passt die Nominierung von Felix Keidel in die deutsche Nationalmannschaft perfekt ins Bild. Während sich halb Fußballdeutschland sicherlich zurecht fragt, wer das überhaupt sein soll, weiß man in Elversberg um die Qualitäten unserer Nummer 43 – hätte eine Nominierung aber im Leben nicht in Betracht gezogen.
Sieben Punkte nach den ersten vier Spieltagen der ersten Bundesligasaison der Vereinsgeschichte, dazu nun auch einen deutschen Nationalspieler in den eigenen Reihen. Das Leben in Elversberg könnte kaum schöner sein. Und unter diesen Gesichtspunkten kann ich mich vielleicht auch so langsam mit dem neuen Alltag anfreunden. Damit, dass die Arena Auf Schalke und eben viele andere Fußballtempel des Landes nicht mehr das unerreichbare Ziel darstellen, in dem man einmal im Leben mit den eigenen Farben vertreten sein möchte, sondern zu den ganz gewöhnlichen Sphären gehören, in denen die SVE alle zwei Wochen vertreten ist. Gibt sicherlich Schlimmeres im Leben als dies seinen Alltag nennen zu dürfen!





























