Antigua Premier League: Attacking Saints FC – FC Aston Villa

28.03.2026
21. Spieltag Antigua Premier League
Attacking Saints FC - FC Aston Villa
ABFA Technical Center Field B
Endergebnis: 2:3 (2:2)
Zuschauer: 30
Ticket: 10 XC$ (~3,20€)

Länderspielpausen. Nicht nur nervig mit Blick auf den eigenen Ligabetrieb im Unterhaus, denn auch in so ziemlich allen anderen Ländern mit einigermaßen vorhandener Fankultur auf den Rängen ruht die Kugel. Ein El Dorado für den lokalen Fußball – oder aber auch eine Chance für eine Reise in eine ganz andere Ecke der Erde. Denn einen Vorteil haben Länderspielpausen: Sie sind planbar und meist über ein Jahr im Voraus terminiert. Und einer der sichersten Garanten für einen weiteren Länderpunkt für das zuletzt etwas langsam anwachsende Konto. So durchstöberten wir bereits im Spätsommer des vergangenen Jahres mögliche Reiseziele für eine Woche fernab des Ligaalltags und blieben recht lange an der Golf-Region hängen. Sechs Tage, drei Länder, gespickt mit solch klangvollen Namen wie Kuwait, Bahrain und Katar. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich darüber bin, dass dieser Trip nur den zweiten Platz im Favoritenranking erhielt.

Platz eins schnappte sich der ebenfalls recht lange bestehende Plan, zum ersten Mal die fußballerische Region des Verbands Concacaf zu bereisen, genauer gesagt eine der vielen karibischen Inseln. Nur welche, im Dickicht der unzähligen Länder und Regionen? Ehrlicherweise half mir zu dem Zeitpunkt der Rat einer Arbeitskollegin, die just vor dem Absprung zu ihrem neuen Arbeitgeber namens Condor stand und bereits ordentlich die Werbetrommel für neue Reiseziele samt Angeboten rührte. Dadurch blieb ich plötzlich bei Antigua und Barbuda hängen. Kleiner Inselstaat mit gut erschlossener Hauptinsel, nette Hotels und preislich bewegte sich auch alles im Rahmen. Kennen wir noch nicht, hört sich vielversprechend an, warum also nicht?

Einen Tag später waren Flüge und Unterkunft gebucht, während lediglich die Frage nach König Fußball offen war. Und sie sollte es auch lange bleiben. Nicht nur suchte ich einen Spielplan vergeblich, nein, selbst die Verbandswebsite war 90% der Zeit nicht erreichbar und wenn, dann mit drei Jahre alten Infos gespickt. Einzig vorhandenes Informationsmedium war die offizielle Facebook-Seite der Liga, auf der die Partien am Spieltag selbst, oder aber mit viel Glück einen Tag vorher angekündigt wurden. Eine Anfrage von Vielen bestätigte immerhin, dass am ausgewählten Wochenende trotz Länderspielpause gegen die Kugel getreten werden würde, es sei denn, ein Verein stellt Nationalspieler ab und das wisse man erst zwei Tage vorher. Für eine Person wie mich, die sich durchaus als recht durchorganisiert sieht, glich die Vorbereitung auf die Geschichte eher einem Krampf.

Hoffen und Entspannen lautete also die Devise und irgendeinen Bumskick würde man zur Not mit Sicherheit finden, sodass am Abreisetag dann doch bei weitem die Vorfreude auf das unbekannte Reiseziel überwog. Knappe zehn Stunden trug uns die Ringelsocke von Frankfurt einmal quer über den Atlantik, ehe wir den Flughafen Antiguas im Licht der untergehenden Sonne erreichten. Der Rest ging fix: Stempel in den Pass, eSIM aktiviert, Koffer abgeholt und unter dem Klang einer Steel Drum gen Mietwagenanbieter gelatscht, wo wir ein astreines Gefährt der Marke Ranzkarre ausgehändigt bekamen. Verbeultes Dach, Felgen, um die man sich eh keine Sorgen bezüglich neuer Kratzer zu machen bräuchte und ein Autoradio, dessen Tasten aufgrund der Sommerhitze weggeschmolzen sind und nun kleine Skulpturen ähnlich erstarrter Wasserfälle bildeten. Zudem hatte ich keinen Plan, wann ich zuletzt ein Auto mittels Schlüssel händisch aufschließen musste.

Aber egal, denn bei den Straßenverhältnissen wäre jeder Neuwagen hier verschenkte Liebesmühe. Denn abseits der gut ausgebauten Straßen rund um den Flughafen fanden wir hier mehr Schlaglöcher als Fahrbahn vor, wobei insbesondere die nächtliche Durchquerung der Wohngebiete der Hauptstadt Saint John’s nicht ohne war. Kaum Platz für zwei Autos nebeneinander, dazu Menschen ohne Ende, die im irgendwie funktionierenden Chaos die Straße dem Gehweg vorzogen. Einmal zeigte der km/h-Tacho im mit Meilen beschilderten Verkehr die Zahl 60, sonst zuckelten wir mit 20-30 Sachen in Richtung Unterkunft. Die fanden wir schließlich im Westen der Insel nahe des Örtchens Five Islands Village in der Nähe einer bekannten Insel namens Hawksbill Rock, die in etwa der Silhouette des Kopfs der gleichnamigen Meeresschildkröte ähnelt.

Dort verbrachten wir selbstredend überwiegend entspannte Tage am Strand, schlürften so einige Piña Coladas und labten uns an der fantastischen, lokalen Küche, die insbesondere mit zahlreichen Varianten von gegrilltem Fisch und Hühnchen aufwartete. Den Wecker konnten wir lediglich nach den kurzen Regenschauern stellen, die selbst in der vorherrschenden Trockenzeit täglich die grüne Natur versorgten. Neben Entspannung, Strand und Sonnenbrand war zudem ein kurzer Ausflug in die unspektakuläre Hauptstadt Saint John’s drin, deren Trubel auf den engen Marktstraßen eine erfreuliche Abwechslung zum glücklicherweise verwaisten, aber auch sehr touristisch geprägten Hafenviertel bot. Mit gut 22.000 der landesweit etwas über 100.000 Einwohner ist Saint John’s zwar die bevölkerungsreichste Stadt, doch bei bis zu fünf parallel anliegenden Kreuzfahrtschiffen mit teilweise über 6.000 Passagieren pro schwimmender Stadt werden die Einwohner mehrmals pro Woche quantitativ zur Minderheit. Da hätte ich auf beiden Seiten echt keinen Bock drauf und ich war mehr als froh, dass bei unserem Besuch kein Kahn im Hafen lag.

Und Fußball? Wie zu Beginn angerissen, war die Informationslage maximal dünn. Lediglich eine Anfrage führte zum Ziel und ich erhielt eine Woche vor Abreise eine abfotografierte Excel-Liste mit den vorgesehenen Partien samt Anstoßzeiten, von deren sechs am Ende nur vier und zu ganz anderen Zeiten stattfanden. Die finale Info darüber kam Samstagvormittag, gut fünf Stunden vor Anpfiff. Die Erleichterung überwog in dem Moment so ziemlich alles, auch die Enttäuschung darüber, dass uns das eigentlich für den Nationalsport Cricket vorgesehene große Stadion namens Sir Vivian Richards Stadium durch die Lappen ging, denn dort werden ausschließlich Länderspiele ausgetragen. So ging es also „nur“ zum neugebauten ABFA Technical Center in Pigotts, das wir kurz vor knapp im dichten Verkehr erreichten. Hier werden am Wochenende nacheinander alle Partien der höchsten Spielklasse, der seit 1968 bestehenden und aus zwölf Teams formierten Antigua Premier League, ausgetragen sowie anscheinend auch die Partien der zweiten und dritten Liga.

Leider erwiesen sich die beiden Kunstrasenplätze als kaum erwähnenswert. Noch nichtmal ein Ticket gab’s an einem der beiden Einlässe, an denen jeweils vier Personen für das Abkassieren der zehn ostkaribischen Dollar in Bar bereit saßen. Da erwartete man wohl so einiges an Andrang? Zumindest unser Parkplatz zeugte mal nicht davon, waren wir doch erst das zweite Auto, und auch nach Betreten der dank finanzieller Unterstützung des Dachverbandes errichteten Anlage herrschte irgendwie tote Hose. Gekickt wurde heute auf Feld B, das immerhin mit einer recht großen, mobilen Tribüne mit roten Sitzen aufwartete, sonst allerdings vielmehr dem Anblick eines der unzähligen, seelenlosen Kunstmurus im heimischen Rhein-Main-Gebiet glich.

Bis auf die laute Musik kam hier leider gar kein Flair auf. Immerhin die Verpflegungsstände, die unter anderem Burger aus den typischen, aus alten Ölfässern gebauten Grills anboten, versprühten etwas wohligen Duft, sonst war lediglich die Musik aus den Boxen nach den Treffern als auch in der Halbzeitpause karibischer Natur. 30 Zuschauer, augenscheinlich vorwiegend Familienangehörige der Kicker, verliefen sich zwischen den unzähligen Ordnern, die hier warum auch immer gebraucht werden. Und doch war es irgendwie eine ganz lustige Angelegenheit. Attacking Saints FC gegen FC Aston Villa. Namen wie im europäischen Oberhaus, Fußball wie in der Kreisklasse. Da wurde die Kugel auf teils sehr kreative Art und Weise verstolpert.

Ein paar Buden fielen zumindest, während die Handvoll Zuschauer immerhin den positiven Aspekt mit sich brachte, dass wir im mittäglichen Sturzregen unter einem tiefen Zelt unterkamen und zumindest mit ein paar Locals ins Gespräch kamen, die mit viel Herzblut mitfieberten. Darunter trafen wir auch ausgerechnet die Verbandsfunktionärin, von der ich die Infos über die Ansetzungen erhielt. Klein ist die Welt, umso kleiner auf den karibischen Inseln. Gegen Spielende ließ der Regen glücklicherweise nach und wir konnten einigermaßen trockenen Fußes den Mietwagen erreichen, der nun allerdings dermaßen im Schlamm stand, dass wir uns den Innenraum richtig schön einsauten. Mit dem Länderpunkt im Gepäck und zurück im Hotel trennte uns lediglich die Reinigung der Schuhe und Fußmatten der Ranzkarre vom wohlverdienten Länderpunktbierchen, das beim Anblick von Palmen und Sandstrand gleich doppelt so gut schmeckte!

Einige weitere Tage des wohligen Nichtstuns durften es im Anschluss noch sein, ehe es nach insgesamt einer Woche wieder zurück zum Flughafen ging. Für den Rückweg hielt Condor noch einen zweistündigen Zwischenstopp in Punta Cana parat, der sich aufgrund einer ausgedehnten Drogendurchsuchung aller Reisegäste durch den recht motivierten Zoll der Dominikanischen Republik etwas verlängerte. Militärischer Drill und Aufstellen in einer Reihe für die Spürhunde hatte ich jetzt zwar nicht auf meiner Bucketlist, doch auch diese Prozedur hatte irgendwann ein Ende, sodass wir uns in den finalen acht Stunden Rückflug mental auf die Kälte der Heimat vorbereiten konnten.

Nett war’s auf Antigua allemal. Einfach mal die Seele baumeln lassen und nicht Tag für Tag einem eng gestrickten Programm hinterher hechten hatten wir dringend einmal nötig. Und alleine dafür als auch für die schmackhafte Kulinarik bietet die Region sicherlich ordentlich Futter vor traumhafter Kulisse. Lediglich das Thema Fußball spielt hier nur eine untergeordnete Rolle, vielmehr als eine Partie für den Länderpunkt macht keinerlei Sinn. Aber manchmal, vielleicht auch nur manchmal, darf König Fußball in den Hintergrund rücken…