3.Liga: SV Wehen Wiesbaden – 1.FC Magdeburg

13.04.2018
34. Spieltag 3. Liga
SV Wehen Wiesbaden - 1.FC Magdeburg
Brita-Arena
Endergebnis: 1:2 (0:0)
Zuschauer: 6.720 (ca. 2.500 Gäste)
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Die Anhängerschaft des 1.FC Magdeburg zählt mit Sicherheit zum Besten, was Deutschlands Kurvenlandschaft aktuell zu bieten hat. Egal ob auswärts oder zu Hause, ständig peitschen blau-weiße Heerscharen ihre Mannschaft nach vorne. Kein Wunder also, dass das Gastspiel des FCM im vergleichsweise nahen Wiesbaden sehr früh rot im Kalender markiert wurde.

In der aktuell recht vielversprechenden Saison für beide Clubs zeichnete sich schon Anfang März ein eventuell richtungsweisendes Duell ab, weshalb die Tickets schon vor Antritt der Asien-Tour in den Einkaufskorb wanderten. Man rechnete zwar weniger mit einem ausverkauften Haus, doch Vorsicht ist besser als Nachsicht, wie man so schön sagt.

In den folgenden Wochen liesen die Ligaergebnisse auch tatsächlich die sowieso schon große Vorfreude förmlich explodieren. Magdeburg reihte Sieg an Sieg, wodurch ein Erfolg gegen Mitkonkurrent Wiesbaden schon fast gleichbedeutend mit dem Aufstieg in die zweite Bundesliga wäre. Doch auch für Wehen sollte es um den Aufstieg gehen, oder zumindest um die Sicherung des Relegationsplatzes vor Karlsruhe. Einer spannenden Partie auf und neben dem Platz stand somit nichts mehr im Wege.

Aufgrund der Anstosszeit an einem Freitagabend und der bescheidenen Zuganbindung aus Trier gings auf vier Rädern in die hessische Landeshauptstadt. Der Plan, die Innenstadt noch ein wenig zu Fuß zu erkunden, wurde durch den anhaltenden Dauerregen aber leider durchkreuzt. Nach einer kurzen Runde durch den Hauptbahnhof und einer angrenzenden Shoppingmall gings daher für uns recht früh in Richtung Stadion.

Eine gute Stunde vor Anpfiff erreichten wir durch braunen Matsch die Wellblechhütte, die eigentlich nur als Provisorium für frühere Zweitligazeiten des SVW errichtet wurde. Mit dem Abstieg in die Drittklassigkeit und einer gescheiterten Standortfrage für einen Neubau wurde das Stahlrohrungetüm zwangsläufig feste Heimat der Wiesbadener.

Von außen mit einer Fabrikhalle vergleichbar, ist der Anblick des Inneren gerade so erträglich. Zwei Stehränge hinter den Toren, zwei gleichgroße Sitzplatztribünen (mit neuen Sitzen die den alten Vereinsschriftzug unterbrechen) und Wände in den Eckbereichen sind nicht unbedingt der feuchte Traum eines Stadionnostalgikers, doch der enge Baustil wusste dann doch einigermaßen zu gefallen. Mit unseren Tickets für die erste Reihe der Gegengeraden war man weniger als fünf Meter vom Spielfeldrand entfernt, was man so in neueren Bauten eher seltener erlebt.

Somit ergab sich ein perfekter Blick auf beide Kurven, insbesondere auf den Gästeblock, an dem heute hohe Erwartungen hingen. Während sich im Vorfeld die Angaben über mögliche Auswärtsfahrerzahlen überschlugen, dürften es am Ende in etwa 2.500 Blau-Weiße gewesen sein, die für ein Freitagabendspiel die weite Anreise auf sich nahmen. Alleine schon eine solche Anzahl ist für die dritte Liga Wahnsinn. Doch auf einige der Fans, insbesondere auf den Kern rund um Block U, musste man länger warten als erhofft. Staus, Polizei oder sonst was hielt die überwiegend in Neunern anreisenden Gästefans auf. Somit startete die Partie ohne den Großteil der Ultras.

Der Heimbereich füllte sich währenddessen um einiges mehr als erwartet. Man hatte noch das Bild einer leeren Wiesbadener Nordkurve vor Augen, was sich zuletzt im Frühjahr 2014 beim Gastauftritt der Elversberger an gleicher Stelle ergab. Nun aber wurde man Zeuge des diesjährigen Zuschauerrekords, was dem Ganzen einen würdigen Rahmen verlieh.

Natürlich ebenfalls für das Spiel hochmotiviert versammelte sich hinter den Fahnen der Ultras „Supremus Dilectio“ (lat. Höchste/größte Liebe) ein ordentlicher Mob, der auf den ersten Schlag überraschte. Schon bei der Schalparade zum Vereinslied und beim späteren Einklatschen zeichnete sich eine ordentliche Mitmachquote ab, die man so nicht erwartet hatte.

Gerade in der Anfangsphase (und während der Abwesenheit von Block U) gefiel der Heimblock mit seinen lauten Schlachtrufen, Hüpf- und Klatscheinlagen überraschend gut und verschaffte sich Gehör im gesamten Rund. Mit der Zeit ging die Mitmachquote in den Nachbarblöcken jedoch deutlich zurück und der Support beschränkte sich auf den etwa 100 Mann starken Kern, der sich aber über die volle Distanz immer wieder in Bewegung zeigte.

Im Gästeblock ging das Ganze indes etwas unkoordiniert und leiser von statten. Bis zur zehnten Spielminute, als der Eintritt der Ultras vom restlichen Anhang frenetisch mit „Hurra, hurra, die Trommel die ist da“ gefeiert wurde. Mit einem Capo auf dem Zaun klappte es auf Anhieb mit einem geilen und geschlossenen Auftritt, für den der FCM bekannt ist. Das erste Einklatschen mit dem darauf folgenden „Fussballclub Magdeburg!“ war einfach nur brachial und verursachte direkt Gänsehaut.

Der restliche Spielsupport der Gäste, die sich über die gesamte Hintertortribüne und einem Seitenblock ausbreiteten, kann schlicht und ergreifend nur noch als grandios betitelt werden. Eine unglaubliche Stimmgewalt, eine fast durchgängige Mitmachquote jenseits der 90%, Schalparaden, minutenlange Wechselgesänge, Klatsch- und Sprungeinlagen… für die Beschreibung fehlen mir einfach die Superlative.

Nur noch selten hörte man den immer noch starken Heimbereich, obwohl man auf der Tribüne fast mittig saß. Zu stark war die blau-weiße Wand, die ihre Mannschaft nach vorne peitschte. Als zur Halbzeit dann endlich sämtliche Zaunfahnen ihren Platz im Stadion fanden, passte auch die Optik des Gästeblocks. Schwenkfahnen oder Doppelhalter gabs keine, doch die hätten auch irgendwie nicht ins Bild gepasst. Für uns stellte der Anhang der selbsternannten größten der Welt an diesem Abend einmal wieder unter Beweis, dass sie in Deutschland zu den ganz großen zählen.

Auf dem Platz blieben die Gäste diesem Ruf aber noch länger schuldig. Nachdem das Spiel durch die unsagbar nervende Stimme der Stadionsprecherin eröffnet wurde, spielte ausschließlich Wiesbaden. Der SVW rannte unaufhörlich an und lies den scheinbar überforderten Magdeburgern nicht mal Platz für Konter, scheiterte jedoch am starken blau-weißen Schlussmann oder im Abschluss. Die durch den Dauerregen schwierigen Bedingungen ließen auch in der Folge kein wirklich gutes Fußballspiel zu, wodurch es zur Pause als logische Konsequenz 0:0 stand.

Viel Luft nach oben für den zweiten Durchgang, den man sich während eines auf der Videoleinwand übertragenen und kommentierten FIFA-Spiels sehnlichst herbeiwünschte. Und tatsächlich änderte sich etwas im Spielverlauf: Der FCM kam viel stärker aus der Kabine und übernahm nun die Rolle der anrennenden Offensive, während sich die Hausherren zunehmend hinten einigelten. In der 53. Minute kam es schließlich zum ersten Treffer des Tages, der zu diesem Zeitpunkt verdient für die Gäste fiel.

Danach nahm die Partie deutlich an Fahrt auf. Es entwickelte sich ein schnelles hin und her, bei dem wiederum Magdeburg besser aussah, durch einen Konter in der 70. Minute zur vermeintlichen Vorentscheidung einnetzte und den Gästeblock zum kollektiven Ausrasten brachte. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer, denn keine Minute später klingelte es plötzlich im Gehäus der Blau-Weißen. Der Wiesbadener Anschlusstreffer in der 71. Minute war der Startschuss einer der spannendsten Schlussphasen, die ich jemals erleben durfte. Förmlich keinen der Zuschauer beider Seiten hielt es noch auf den Sitzen, während die abermals nervige Stadionsprecherin mit einem „Steht auf für den SVW“ versuchte, die eigene Kurve zu überstimmen. Peinlich.

Neben der fast schon greifbaren Spannung in der Schlussviertelstunde rückte nun der Unparteiische immer mehr in den Fokus, der es wohl persönlich auch eher mit den Magdeburgern hält. Anders kann ich mir die letzten strittigen Entscheidungen, darunter einige klare Fouls in Strafraumnähe, die allesamt zu Gunsten der Gäste entschieden wurden, nicht erklären. Während die Heimkurve in der Folge ihren Unmut durch fliegende Bierbecher auf Ordner und Auswechselspieler der Gastmannschaft zum Ausdruck brachte, feierten die Gäste lautstark die Führung und wenig später, nach euphorischem Jubel mit dem Schlusspfiff, den Auswärtssieg.

Die Freude über den Dreier schien fast schon grenzenlos, ist der Aufstieg des FCM dadurch quasi in trockenen Tüchern. Acht Punkte Vorsprung bei noch vier ausstehenden Ligaspielen und einem zusätzlichen Nachholspiel der Magdeburger dürften eigentlich reichen. Die Feier der Anhängerschaft mit der Mannschaft verlief daher wie erwartet ausschweifend, inklusive gemeinsamen Klatschen zum eingangs erwähnten Schlachtruf. Auch danach blieb ein Großteil der Blau-Weißen noch im Stadion und schmetterte Lied um Lied. Immer wieder angeheizt durch nochmals aus der Kabine eilende Spieler ging das Schauspiel bis weit nach Abpfiff, bis schließlich die lange Heimreise für viele der Anhänger anstand.

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Auch für uns sollte es nach einem kurzen Zwischenstopp am Hauptbahnhof zwecks Abendessen wieder in die Heimat gehen. Die vielen neuen Ohrwürmer im Kopf liesen die Rückfahrt wie im Flug vergehen, bevor man um kurz vor Mitternacht wieder zu Hause aufschlug. Magdeburg in Liga 2… hat bestimmt was!