24.01.2026
20. Spieltag Ligue 2
Stade de Reims - AS Saint-Étienne
Stade Auguste-Delaune
Endergebnis: 1:0 (0:0)
Zuschauer: 16.186 (ca. 1.500 Gäste)
Ticket: 30€
Gute anderthalb Jahre ist es her, als wir Reims eigentlich bereits besuchen wollten. Die Tickets wurden damals sogar schon organisiert, die Anfahrt mitsamt des damit verbundenen, letzten Heimspiels der SVE Mitte Mai geplant – und dann verschiebt der Verband kurzfristig den kompletten Spieltag. Tour somit futsch, genauso wie die Kohle für die damals recht teuren Karten. Blöd gelaufen, aber gehört zum Berufsrisiko. Der Ärger darüber war in der Zwischenzeit verdaut, sodass wir zu Beginn des Jahres erneut von einer spannenden Ansetzung geködert wurden. Stade de Reims sollte samstagabends die ASSE empfangen, Elversberg erst sonntags den VfL Bochum. Zu gut, um der Geschichte keine zweite Chance zu geben.
Tickets somit erneut geordert (dank zweiter Liga bedeutend billiger) und auch gleich ein Hotel dazu gebucht, sodass in der Vorwoche tatsächlich so etwas wie Vorfreude entstand. Immerhin ist ein Besuch Frankreichs dann doch eine Rarität – trotz der Tatsache, dass ich keine 20 Kilometer von der Grenze entfernt aufgewachsen bin. Aber wer bereits im Kindesalter in der Grundschule diese Sprache ums Verrecken nicht in den Kopf bekam, weiß im Saarland über viele Jahre eine mittelschwere Antipathie gegen das Nachbarland aufzubauen. Nunja, wächst sich alles einmal raus.
Samstagmorgens ging es schließlich auf die längere Anfahrt. Zuerst auf dem üblichen Weg ins Saarland, dann durch dichten Nebel über Metz und Verdun, bis uns schließlich die mit Sonne gesegneten, sanften Hügel der Champagne empfingen. Wenig bis gar nichts war auf der Mautstrecke los, sodass wir nach gut viereinhalb Stunden und 21€ ärmer zunächst einen großen Supermarkt im Süden der Stadt erreichten. Dort wurden fix die heimischen Biervorräte aufgefüllt und bei einer Packung frischer Croissants zugeschlagen, ehe wir unsere gebuchte Unterkunft am Rand der Innenstadt erreichten. Von der Lage her absolut perfekt, zumal das Stadion bereits vom Zimmerfenster aus sichtbar war, während die Innenstadt aufgrund nicht vorhandener französischer Umweltplakette eh nicht befahren werden durfte. Aber die Geschichte wird wohl sowieso bald in Frankreich abgeschafft, wenn man den Berichten glauben schenken darf.

Nachdem fix die Sachen abgestellt und zwischenzeitlich das Zimmer gewechselt wurde (man gab uns wohl ein nicht gereinigtes?), ging es bei bestem Wetter auf eine ausgedehnte Runde durch die Innenstadt von Reims. Vom grünen Stadtpark, über den Square Colbert bis zur Porte de Mars, vorbei an den leider geschlossenen Halles Boulingrin (schöne Markthallen mit markanten, gelben Fenstern) führte uns der Weg Stück um Stück ins Zentrum. Beeindruckend waren vor allem das Rathaus sowie der Place Royale, ehe schließlich das absolute Highlight auf uns wartete: Die Cathédrale Notre-Dame de Reims. Ein wahrlich monumentaler Bau, der nicht nur sämtliche Gebäude der Stadt überragt, sondern auch von innen einen gigantischen Eindruck machte.
Nachdem auch die Einkaufsstraßen abgebummelt waren, kehrten wir in der Brasserie Le Gaulois ein und labten uns an der lokalen Küche. Alleine die überbackene Zwiebelsuppe verdiente die absolute Höchstpunktzahl. Gleiches gilt für die Stadt, die unter blauem Himmel einen erfrischend unaufgeregten Eindruck hinterließ. Viele Restaurants, Bars und Cafés, wenig Hektik. Kurzum: Hier ließ es sich für einen Tag wunderbar aushalten. Zudem waren die Leute überaus freundlich und wechselten von sich aus auf Englisch. Ich muss sagen, wir waren positiv schockiert.
Das ausgemachte Tageshighlight folgte nun nach Hereinbrechen der Dunkelheit. Nach kurzem Zwischenstopp in der Unterkunft trabten wir die paar hundert Meter in Richtung der abendlichen Spielstätte, deren Zufahrtswege bereits eine Stunde vor Spielbeginn nur so von Anhängern der beiden heutigen Vereine gesäumt waren. Ein echtes Topspiel der zweiten Liga, für das im Vorfeld ordentlich die Werbetrommel gerührt wurde. Etwas außerhalb des Stadions warteten bereits die Sicherheitskontrollen, ehe eine halbe Umrundung nötig war, um unsere Plätze auf dem Unterrang der Gegengerade zu erreichen. Erste Reihe, beste Sicht auf alle relevanten Bereiche des Abends. Löbliche Plätze!

Das Stade Auguste-Delaune selbst war an sich nichts Besonderes, aber auch nicht so verkehrt. 2008 eröffnet, komplett doppelstöckig, knapp über 21.500 Plätze. Nichts im Vergleich zum alten Stade Vélodrome, das dafür weichen musste, aber auch nicht sooo seelenlos wie befürchtet. Ich kann eben auch neueren Buden etwas abgewinnen, zumal diese Zahnstocher-ähnlichen Flutlichtmasten ohne Verwendung der Geschichte eine bizarre Brise verleihen. Zudem wurden die historischen Namen der vier Tribünenseiten erhalten und auf Sponsoring größtenteils verzichtet. Nur am derzeitigen Logo störte ich mich, prangt doch das historische Wappen mit der charakteristischen Champagner-Flasche weiterhin auf vielen als Tische genutzten Holzfässern des Umlaufs.
Wie fast schon zu erwarten, wurde der Verein ursprünglich 1910 als Betriebssportverein einer Sektkellerei gegründet, ehe im Zuge der Professionalisierung der Liga 1931 die ausgegliederte Fußballsparte als Stade de Reims firmierte. „Stade“ lässt sich übrigens nicht nur in „Stadion“, sondern auch „Sportverein“ übersetzen. Dieser neugegründete Club dominierte insbesondere in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg den französischen Fußball wie kaum ein anderer. Sechs Meistertitel und zwei Pokalsiege konnten alleine zwischen 1949 und 1962 eingefahren werden, während 1956 als auch 1959 jeweils das Finale des Europapokals der Landesmeister erreicht wurde. Danach folgte der schleichende Niedergang bis in die dritte Liga, ehe die Rot-Weißen 2012 nach 33 Jahren wieder in der Ligue 1 gastierten. Zuletzt hielt sich der Club erneut recht lange im Oberhaus, musste zu dieser Saison aber erneut den Gang in die L2 verkraften.
Dort kickt Reims aber alles andere als schlecht und hat durchaus realistische Chancen auf den direkten Wiederaufstieg. Den gleichen Plan haben auch die Gäste, die sich ebenfalls frisch abgestiegen nach einer schnellen Rückkehr sehnen. Joa, und so ein Spiel braucht eben eine anständige Kulisse, weshalb ein aberwitziges Rahmenprogramm aufgefahren wurde. Von einer Online-Abstimmung über die Farbe der Tribünenbeleuchtung, über ein Parcours-Duell der beiden Maskottchen der Clubs bis hin zu einer Seiltänzerin, die in der Halbzeitpause das Stadion überquerte. Und eine organisierte Pyroshow auf dem Rasen durfte natürlich auch nicht fehlen, wobei letztere nach Verlesung der Aufstellungen immerhin für viel roten Rauch in der Bude sorgte.

Vielleicht auch wegen diesen ganzen Geschichten suchten wir die Heimszene hinterm Tor zu Beginn vergebens. Erst Augenblicke vor Anpfiff hing die Hauptgruppe Ultrem 1995 ihre Fahne an den Zaun – allerdings kopfüber. Was folgte war ein Boykott der ersten 30 Spielminuten, dem auch alle Anwesenden folgten. Erst dann wurde eine größere Anzahl Schwenkfahnen im mittleren Bereich verteilt, darunter ein für den Block absolut überdimensionierter Schwenker an vorderster Front, ehe erste Gesänge die für uns überraschend große Masse an Sangeswilligen offenbarten.
Da zogen gute zwei Blöcke recht konstant mit und zeigten zudem viel Bewegung und ein insgesamt sehr ansprechendes Bild, wenngleich die Lautstärke etwas auf der Strecke blieb. Nur selten schafften es die Gesänge hin zu unseren nah am Gästeblock situierten Plätzen, wobei das vernommene Liedgut hauptsächlich der Kategorie französischer Standard angehörte. Von „Allez les rouges“ bis zu „Aux armes“, das im Wechsel mit der gegenüberliegenden Hintertortribüne das Highlight der Heimseite darstellte. Vielmehr war nicht zu vernehmen.
Störte uns aber nicht wirklich, gehörte dem benachbarten Gästeblock doch sowieso unsere volle Aufmerksamkeit. Und hier ging einiges. 1.000 Anhänger von Sainté durften den eigentlichen Gästeblock nach einer Polizeianweisung bevölkern, viele weitere machten sich entsprechend außerhalb des nicht ganz gefüllten Areals breit. Am Zaun prangten die schweren Planen mit den markanten Gruppennamen Magic Fans und Green Angels, dazwischen die der Indeps. Dahinter wehte früh eine so vielfältige Anzahl verschiedener Tifo-Materialien, wie ich sie noch selten gesehen habe. Schwenkfahnen in verschiedensten Größen und Ausführungen, unzählige Doppelhalter im Bereich der GA und die markanten, runden Scheiben mit unterschiedlichen Logos im Bereich der MF. Ein wirklich starkes Bild, das zu Spielbeginn mit einer ordentlichen Pyroshow im Bereich der Green Angels vervollständigt wurde.

Dazu schmetterte der Anhang der ASSE einen melodischen Gassenhauer nach dem anderen in den dunklen Nachthimmel. Viele bekannte Dinger, aber auch viele Melodien, die die Freunde aus Stuttgart (und Reutlingen eine Ecke weiter) in Deutschland mit starken Texten versehen haben und bekannt machten. Da verging fast keine Minute ohne mitwippende Füße unsererseits. Half natürlich auch gegen die Kälte. Zudem trieben die Anhänger der Grün-Weißen einiges an Schabernack, zündeten z.B. einmal in einer anscheinend stibitzten Ordnerweste und entleerten einen Feuerlöscher, als der Pyrovorrat zur Neige ging. Sehr starker Auftritt, der auf dem Platz leider nicht belohnt wurde.
Nur zu gerne hätte ich erneut den ebenso ikonischen wie angsteinflößenden Torjubel der Gäste so nah neben uns gesehen, doch die Kicker der ASSE glänzten mit einer absoluten Nichtleistung. Wobei die Partie generell unter die Kategorie des ganz üblen Gegurkes fiel. Reims schaffte dabei sogar das Kunststück, sich im zweiten Durchgang im gegnerischen Strafraum eine rote Karte einzufangen, nur um Minuten später dennoch den Siegtreffer in die Maschen zu drücken. Das gefiel dem Gastanhang natürlich gar nicht, sodass der bis zum Schlusspfiff andauernde, leidenschaftliche Support schlagartig in ein gellendes Pfeifkonzert umschlug. Einige Anhänger sprangen gar wild gestikulierend in den Innenraum, während die langsam gen Gastbereich trottende Mannschaft mit allerhand Fahnenstangen eingedeckt wurde. Da läuft Anspruch und Realität wohl derzeit ganz weit auseinander.
Jubel dagegen im Heimbereich, der abschließend zu einer kleinen Siegesfeier ansetzte, ehe es für uns kältebedingt recht fix auf den Weg zurück zur Unterkunft ging. Unzählige Cops versperrten dabei so ziemlich alle direkten Wege und sorgten absichtlich für unnötige Engstellen, was uns bei den wenigen hundert Metern Fußweg aber auch nicht mehr großartig juckte. Was allerdings nervte, war die Tatsache, dass wir unsere Zahnbürsten daheim vergaßen und das Hotel nichts vorrätig hatte, sodass wir gegen Ende dann doch nochmal eine gute halbe Stunde durch die Gegend latschen durften, bis dem Thema Mundhygiene auch am späten Samstagabend nachgegangen werden konnte. Immerhin war der Fahrtweg ins Saarland am nächsten Morgen nicht allzu weit und einige Stunden Schlaf drin… Unterm Strich war’s ein wirklicher Top-Tag, der die Lust auf das einst so verhasste Nachbarland mit dem großen F dann doch nochmal in uns weckte. Wer kann solch starken Kurven und der vorhandenen, vielfältigen Kulinarik schon widerstehen?








































