06.11.2025
4. Spieltag Europa League
FK Crvena Zvezda - Lille OSC
Stadion Rajko Mitić
Endergebnis: 1:0 (0:0)
Zuschauer: 32.711 (150 Gäste)
Ticket: 2.600 RSD (~22,50€)
Es dürfte etwa Anfang September gewesen sein, als das Kleinhirn zwei Entdeckungen miteinander verknüpfte: Der Anblick von zwei noch unverplanten Urlaubstagen auf dem Firmenlaptop sowie der Anblick des heimischen Kalenders, der bis zur nächsten Auslandsreise Ende Dezember ganz schön oft umgeblättert werden musste. Da die Wochenenden bis dahin mit der geplanten, goldenen Zweitligasaison (danke nochmal an Bochum für’s Scheitern an Spieltag 2) allerdings komplett gefüllt waren und mich die Auswahl möglicher Länderspiele auch nicht wirklich umhaute, fassten wir den Entschluss: Es geht zum Europapokal! Auch schon wieder recht lange her, dass wir der internationalen Bühne an einem Donnerstag die Ehre erwiesen. Nur wohin sollte es gehen?
In die engere Auswahl schafften es Utrecht, Skopje und Celje, nicht zuletzt aufgrund attraktiver Opponenten. Doch so 100% überzeugend war keiner der Pläne, insbesondere mit Blick auf die teilweise angespannte Ticketsituation (oder der dann doch erwartbar leeren Schüssel in Skopje). Eine weitere Recherche später stand plötzlich Belgrad im Fokus. Und sollte es auch werden. Im Gegensatz zu den unplanbaren Ligaspielen konnten wir direkt Anfang September ohne jegliche Probleme Tickets für den roten Stern im offiziellen Webshop erwerben, buchten uns daraufhin bei Air Serbia ein (im Verbund mit dem Auswärtsspiel auf Schalke eine komplexere Geschichte) und schossen ein günstiges, zentrales Hotel. Crvena Zvezda gegen Lille stand somit im Kalender – und versprühte wochenlang zuvor grenzenlose Vorfreude! War immerhin schon etliche Jahre ein gut gehegter Traum eures Schreiberlings, einmal in Belgrad vorstellig zu werden. Zwar am Ende kein Derby, aber bei internationalen Begegnungen stimmt die Kulisse zumeist auch.
Los ging es Mittwochabend nach einem langen Arbeitstag. Die S-Bahn brachte uns ungewohnt flüssig an den Frankfurter Flughafen, ehe am bald schließenden T2 nochmal fix ein kleiner Bissen schnabuliert wurde, ehe uns die kleine Maschine von Bulgaria Air (die Leute um uns herum waren zunächst so verwirrt wie wir, als der Bus vor dem Flieger stoppte) in gut anderthalb Stunden nach Belgrad verfrachtete. Heizung dabei mindestens auf höchster Stufe. Da half nur ein kühles Bierchen. Besser wurde es weder im modernen Flughafen Nikola Tesla noch während der anschließenden Minibus-Fahrt in die Stadt. Die frieren anscheinend hier bei Temperaturen, bei denen die Stadiongänger in der Heimat noch mit kurzen Hosen auf den Traversen toben. Knapp 45 Minuten dauerte die Fahrt, ehe wir unsere Bleibe für die kommenden drei Nächte in der Nähe des Kreisels Slavija erreichten. Kurz vorm Tageswechsel eingecheckt und daraufhin erstmal das Fenster aufgerissen. Ihr ahnt es: Auch hier stand die Hitze nur so im Raum…

Ausgeschlafen wurde Donnerstagmorgen im Viertel erstmal herzhaft und gut gefrühstückt, ehe ein wenig Kultur den Start in den Tag prägte. Platz der Republik, die Einkaufsstraße Kneza Mihaila und schließlich die Festung von Belgrad, die nicht nur bei bestem Wetter zum Verweilen einlud, sondern auch einen perfekten Blick auf die beiden Flüsse Save und Donau sowie deren Mündung offenbarte. Ließ sich in der Sonne perfekt aushalten! Ulkig dagegen die Versuche einiger französischer Kleintrupps, bei der eigenen Touri-Runde nicht aufzufallen. Da wurde gar mit der Hand vorm Mund miteinander geflüstert, um bloß nicht irgendeine Aufmerksamkeit zu erregen. Ach ja, gibt denke ich kaum eine Stadt, in die ich als Gastfan noch ungerner reisen würde…
Insgesamt schien es das mit den Highlights Belgrads nach knapp zwei Stunden Fußweg nahezu gewesen zu sein. Die Stadt mag zwar ein paar schöne Ecken haben, weiß diese aber gut zu verstecken. Immerhin die Wandgemälde an den Blocks waren den Fußweg in Richtung Skadarlija wert, wobei die Innenstadt östlich der Save überraschend komplett in der Hand von Partizan zu sein scheint. Ein kleiner Grillteller und ein paar Bier durften es zur mittäglichen Stunde sein, ehe wir vor der abendlichen Partie nochmal fix gen Hotel aufbrachen. Wieder zu Fuß, erwischten wir in drei von drei Versuchen an diesem Tag nicht einen Bus. Die vorgesehenen Linien fuhren anscheinend immer woanders… Erst auf dem Weg von der Bleibe zur Spielstätte klappte es mit der Mitfahrt in einem der Nahverkehrsmittel, die übrigens seit Januar 2025 kostenlos zur Verfügung stehen. Echt ‘ne feine Sache!
Der Bus verfrachtete uns dann sogar direkt vor den Eingang der Haupttribüne des legendären Stadion Rajko Mitić, das wir gerade noch unter dem letzten, verbliebenen Tageslicht begutachten konnten. Nach kurzem Besuch des Fanshops zwecks Schalkauf beehrten wir auch den mehr als doppelt so großen Shop der Delije und schlugen bei einigen Stickern zu. Auch eine ganz andere Welt auf dem Balkan: Da könntest du dich als Tourist ohne jeglichen schiefen Blick mit sämtlichen Szenesachen eindecken und diese sonst wo spazieren tragen. Da zählt die Kohle deutlich mehr als die Exklusivität, sich seinen Szeneschal erstmal verdienen zu müssen.

Mitsamt Plastiktüte mit dem roten Stern in der Hand lichteten wir noch einige der phantastischen Wandgemälde der Delije ab und schauten beim Panzer des Typs T55 vorbei, dessen Geschützrohr auf die nur 500 Meter entfernte Spielstätte des FK Partizan zeigt. Echt ein skurriles Bild. Ein angemalter Panzer in Vereinsfarben, dahinter Riot-Cops und die Stadt als Panorama… Noch wenig los derweil im Umfeld, lediglich kleine Trupps mit Jungs zwischen 12 und vielleicht 17-18. Streng nach Alter getrennt, meist mit kahl rasiertem Kopf, die an der Straße lungerten. Dazwischen die Behelmten, durchweg mit neutralem Gesichtsausdruck. Die Ruhe vor dem erwarteten Sturm, die Ruhe vor den kommenden neunzig Minuten.
Dann öffneten sich die Tore. Ohne große Kontrollen enterten wir Block 1 der Zapad (Westtribüne). Quasi direkt am Zaun zum Gästeblock fanden wir unsere Sitze, die wir aufgrund des eisigen Windes schnell wieder verließen. Bierchen gab es nicht und das vorgefertigte Essen (Hot Dogs oder Popcorn) riss uns auch nicht vom Hocker. Die Mägen waren sowieso noch gut gefüllt und Hunger hatten wir lediglich auf das Spiel, die Stimmung und die Bude. Letztere hatten wir nun für lange Zeit nahezu verwaist vor Augen. Und dennoch konnten wir uns an diesem roten Rund kaum satt sehen. Wuchtig wirkte vor allem der Westen mit über 60 Reihen, gigantisch die Kurven im Norden und Süden. Eine Legende europäischer Stadien. Das Marakana, wie es noch heute genannt wird. Mitunter aufgrund seiner schieren Größe vergangener Tage. Bis zu 110.000 Menschen sahen hier in den 70ern die Spiele des roten Sterns, ehe die Kapazität Anfang der 90er auf die heute gut 55.000 Sitzplätze sank. Noch immer ist es damit die größte Bude Serbiens.
Seit 2014 hört es auf den Namen eines der größten Fußballer, den das ehemalige Jugoslawien sowie Crvena Zvezda je sahen: Rajko Mitić. Kein anderer prägte die Jahre nach der Gründung 1945 so sehr wie er, ehe der FK Crvena Zvezda selbst zu einem der prägendsten Vereine des gesamten Balkans aufstieg. Mit 19 Meisterschaften im ehemaligen Jugoslawien belegt der rote Stern den einsamen Platz an der Sonne der ewigen Tabelle, während die Hauptstädter auch danach den Kampf um das runde Leder in Serbien prägten. Insgesamt 36 nationale Titel konnten errungen werden, zuletzt sogar sämtliche zwischen 2018 und 2025. Dazu füllen nicht nur 29 nationale Pokale aus den verschiedenen Ären die Vitrine, sondern auch ein ganz großer Henkelpott: Der Pokal der Landesmeister aus der Saison 1990/91, als im Finale von Bari Olympique Marseille im Elfmeterschießen niedergerungen wurde. Im Dezember 1991 gelang gar der Gewinn des Weltpokals gegen Colo-Colo in Tokyo.

Kaum verwunderlich, dass es die Massen auf die Traversen des Marakanas zog und auch weiterhin zieht (wenngleich die Zahlen in der Liga außerhalb des ewigen Derbys eine ganz andere Thematik sind). Unter dem Anhang versammeln sich die Treusten im Norden, der Severna tribina. Der Name? Delije, die Mutigen, oder auch Helden. Ein Zusammenschluss der einst führenden Gruppen Zulu Warriors, Red Devils und Ultras unter Željko „Arkan“ Ražnatović , der die große Kurve in eine ultranationalistische, paramilitärisch geführte Einheit verwandelte, aus deren Reihen sich in den Jugoslawienkriegen etliche Kämpfer der serbischen Freiwilligengarde anschlossen. Die als „Arkans Tiger“ genannte Speerspitze war insbesondere zwischen 1991 und 1995 aktiv und verübte zahlreiche Kriegsverbrechen im heutigen Kroatien sowie in Bosnien, darunter das Massaker von Vukovar, bei dem 255 Zivilisten und Kriegsgefangene aus einem Krankenhaus verschleppt und ermordet wurden.
Im April schrieb ich folgende Zeilen bereits unter unseren Spielbesuch bei Dinamo Zagreb: Schwere Kost, die allerdings zu den hiesigen Kurven in vollem Umfang dazugehört. Denn die Leute kehrten nach den Kriegen wie selbstverständlich zurück auf die Ränge und der Führungsstil der Kurve gilt auch heute noch als militärisch. Wer darüber mehr lesen will, dem sei das Buch „Navijači“ aus dem Hause BFU ans Herz gelegt. Denn viel weiter in die Tiefe kann und will ich mit meinem derzeitigen Wissen auch nicht gehen. Höchstens noch erwähnen, dass der Anhang eine tiefe Freundschaft mit Spartak Moskau und Olympiakos Piräus pflegt und, wie etliche Serben auch, sich eng mit den „orthodoxen Brüdern“ aus Russland verbunden sieht.
Trotz oder gerade wegen ihrer schwarzen Historie ist die Severna tribina samt ihren Delije eine der bekanntesten und berüchtigtsten Kurven Europas. Und selbstredend auch einer unserer Hauptgründe für den Besuch im Marakana, das sich an diesem Abend erst etwa 45 Minuten vor Anpfiff so langsam füllen wollte. Bei Anpfiff um 18.45 auf den zweiten Gedanken aber auch nicht sonderlich verwunderlich. Leider erwischten wir am Rande der Haupttribüne wohl den Kinder-Block. Zumindest enterten scharenweise ganze Schulen mit ihren Lehrern die Ränge. Und ich freute mich im Vorfeld noch, dass der noch leere Block aus dem Verkauf genommen wurde, um eher die im Kamera-Bereich liegenden Seiten zu füllen. Dachte ich zumindest.

Viel Trubel somit um uns herum, während der Blick in den Norden von Minute zu Minute positiver stimmte. Von echten Bedenken ob der Stimmung nur 30 Minuten vorher bis zu einer zu gut zwei Drittel gefüllten Kurve, die insbesondere an den Rändern von Teilen der Szene in Schäferhund-Manier gen Mitte getrieben wurde. Auch der Zaun konnte sich in der Zwischenzeit echt sehen lassen und hielt einige schöne Stücke Stoff der Boys, Brigate, Heroes und vielen weiteren Kleingruppen parat. Auch zwei Lappen von Olympiakos machten wir aus, während insbesondere eine der kleinen Flaggen mit den Hyänen aus König der Löwen im Gedächtnis blieb. So ähnlich stelle ich mir die herumziehenden Kleingruppen auf der Suche nach den Gästen in dunklen Gassen vor.
Kurz vor Beginn der Partie wurde vor der Kurve ein großes Spruchband ausgerollt. Frei übersetzt: „Spielt so gut ihr könnt“. Dazu wurde eine Art schwarzer Plastikschlauch bis hinters Tor ausgerollt, dessen Sinn wir zunächst nicht verstanden. Eine Art Protest für die zuletzt mageren Ergebnisse? Nix da, denn mit Einlaufen offenbarten tausende auf Kommando in die Höhe schnellende Zettel das Choreomotiv: Ein Gaming-Controller, der in Händen der Delije liegt und dessen Kabel mit dem Spielfeld verbunden ist. Sehr starke und äußerst kreative Aktion!
Anschließend merkte man, dass der rote Stern dank zweier Geisterspiele zuletzt Ende September vor heimischem Publikum spielte, denn die Kurve drehte mit Anpfiff mit einer unfassbaren Intensität frei. Tiefe, raue Stimmen und eine brachiale Lautstärke auf durchweg bekannte Gesänge. Doch das Best of europäischer Kurven kommt hier einfach komplett anders rüber. So gut wie alle Kurvengänger stimmten mit ein, rissen bei Klatscheinlagen die Arme hoch oder hüpften auf und ab. Auch Haupt- und Gegentribüne zogen häufig mit und hüllten das Marakana in einen Gesangsorkan. Das kratzte an diesem Abend doch sehr häufig am viel zitierten Optimum, wenngleich die hohe Schlagzahl beileibe keine 90 Minuten andauerte. Uns reichte es dennoch, das Grinsen entwischte nur selten unseren Gesichtern.

Zu Beginn der zweiten Hälfte schwebten dann erneut ein paar Fragezeichen über unseren Köpfen. Auf das Spruchband „Es macht keinen Spaß, mit uns zu spielen“ (frei übersetzt) erschien plötzlich eine blau-weiße Fahne am Zaun vor den Delije. Wie sich später herausstellte, war es eine 25 Jahre alte Zaunfahne des Commando Ultra Marseille. Eine Reaktion auf Marseille-Fans, die wenige Wochen zuvor, nach deren eigenem Auswärtsspiel in Lissabon, in Braga halt machten und das dort im Zuge der Europa League Partie auf dem Rasen verweilende Zvezda-Logo stahlen und im Netz falsch herum präsentierten. Eine Aktion, die du so auch erstmal bringen musst.
Stichwort Franzosen: Heute war bekanntlich Lille zu Gast, wovon wir ehrlicherweise aber kaum etwas mitbekamen. Gut 150 Gäste weilten rechts unterhalb von unserern Sitzen, flaggten kleine Fetzen an den Zaun und stimmten sporadisch ein paar Lieder an. Respekt an jeden, der sich unter der Woche auf eine solche Entfernung auf den Weg macht! Allerdings blieb nur der Trommler in meiner Erinnerung hängen, der sein Handwerk wirklich verstand, während auf der Capo-Position mehr Durchgangsverkehr herrschte als an manch S-Bahnhöfen Frankfurts. Da durfte irgendwann gefühlt jeder mal ein Lied anstimmen. Hörbar waren die Gäste für uns allerdings nur ganz selten.
Fußball wurde natürlich auch gespielt, wobei der Kick erstmal mit dem Kuriosum startete, dass wir zum Einlaufen die Hausherren zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, machten sich diese doch auf einem Platz hinter dem Stadion warm. Die Partie selbst war dann qualitativ recht ordentlich und unterhaltsam, wobei die Gäste in der ersten Hälfte und die Hausherren in der zweiten etwas mehr Spielanteile hatten. Die Entscheidung fiel allerdings erst wenige Minuten vor dem Ende. Foulelfmeter für den roten Stern, ein gewisser Marko Arnautović tritt an – und versenkt. Startschuss für die besten Minuten des Abends auf den Rängen. Brachial ist da noch untertrieben, was hier am Ende abging. Pure Eskalation. Wahnsinn.

Schlusspfiff, die Blöcke leeren sich schnell. Nur der verrückte Norden rund um die Delije dreht komplett am Rad. Lautstarke Gesänge, nun auch garniert mit einigen Fackeln, erfüllten den dunklen Himmel Belgrads. Über Minuten zieht sich das Spektakel mit der Mannschaft, das sich wie eine Art Befreiungsschlag anfühlt. Europäisch war er das auch, war es doch der erste Dreier der Saison. Wir genossen unterdessen die Gesänge bis zur letzten Sekunde. Kalt war es, doch die Freude über diesen Abend und dieses Finale verdrängte einfach alles.
Raus vors Stadion, Abfahrtsstau. Die Gäste bekamen kurz vor Abpfiff die frohe Kunde über ihre Blocksperre mitgeteilt, bis alle Heimfans abgereist sind. Hier als Gast 1-1,5 Stunden zu warten ist keine Seltenheit. Bei dem Verkehr weis ich aber auch, warum. Wohngebiet und trotzdem scheint jeder mit der eigenen Karre anzureisen… Der Bus kam schließlich, quälte sich durch den Verkehr und entließ uns wieder in Höhe der gewählten Unterkunft. Darauf erstmal eine Fleischplatte zum Verdauen. Belgrad, das war ein starker Abend!
Ganz leise hatten wir im Vorfeld die Hoffnung, am Freitag auch noch Partizan einen Besuch abstatten zu dürfen, doch deren Heimspiel wurde schließlich auf Sonntag gelegt. Schade drum. Weiß man hier leider immer erst 5 Tage vorher. Und in der Heimat beschwert man sich, wenn nicht drei Monate vorab alles terminiert wurde… Daher ein freier Freitag, den wir voll und ganz der serbischen Hauptstadt widmeten. Zunächst schauten wir am Dom des heiligen Sava vorbei, dessen Kuppel wir schon am Vorabend vom Stadion aus ständig erblickten. Ein echt imposanter, weißer Marmor-Bau, dessen Inneren mit mehr Gold protzt, als man sich überhaupt vorstellen kann. Mit Fertigstellung im Jahr 2018 zudem ein sehr neues Gebilde, das zu den größten orthodoxen Kirchen der Welt zählt.

Nett, aber unser wahres Highlight fanden wir während der anschließenden Tram-Fahrt gen Innenstadt: Der Kreisel Slavija. Nicht wegen der beleuchteten Wasserfontäne in der Mitte, sondern vielmehr aufgrund der aberwitzigen Fahrweise im hiesigen Straßenverkehr. Da werden aus drei Fahrspuren schnell mal sieben und mehr, während die langsame Straßenbahn von wirklich jeder Spur und Seite überholt und geschnitten wurde. Da platzte unserem Fahrer irgendwann dermaßen die Hutschnur, dass er eine Vollbremsung hinlegte und noch während der Fahrt mit geöffneter Tür einen sinnlos rumstehenden Verkehrspolizisten anblökte, seiner Arbeit nachzugehen. Herrliche Unterhaltung!
In der Gegend des alten Hauptbahnhofs schlenderten wir anschließend durch Belgrad Waterfront, einem äußerst modernen, neuen Viertel, das mit Blick auf die sonst so grauen und heruntergekommenen Straßen wie eine andere Welt wirkte. Und ja, dann waren wir irgendwie komplett durch mit Belgrad. Einen Stopp am ehemaligen Verteidigungsministerium, das seit der NATO-Bombardierung 1999 im zerstörten Zustand als Mahnmal dient, legten wir anschließend noch ein. Auch ein Teil der vielfältigen Geschichte der Stadt, der lange Zeit erhalten blieb, nun aber ausgerechnet einem Trump-Tower weichen soll. Die Proteste gegen dieses Vorhaben zogen während unserer Anwesenheit täglich durch die Straßen. Unter dem ständigen Hupen, das fast die Ausmaße von indischen Streetfood-Videos annimmt, ging es schließlich zurück in die Hotelgegend, wo der Abend nach einer hervorragenden, letzten Mahlzeit recht früh bei Bundesliga im FreeTV endete. Ging ja immerhin tags drauf auf Schalke. Eigentlich bekloppt, machte aber Sinn und Spaß!

Joa, was bleibt als Fazit nach zwei vollen Tagen Belgrad? Erstmal hat uns die Stadt im Vergleich mit anderen des Balkans nicht wirklich mitgenommen. Zu grau, zu wenig zu sehen, was mehr als einen Tag hier rechtfertigen würde. Englisch ist auch so ein Thema, was hier eher in die Kategorie „Not have“ fällt, während so ziemlich jeder Mensch pausenlos an seiner Kippe hängt. Lästig für uns Nichtraucher, da in jedem Restaurant und in jeder Kneipe, ganz gleich ob zum Frühstück oder Abendessen, ein dichter Qualm hängt, der sich in Lunge und jede Faser unserer Klamotten fraß. Zudem empfanden wir die Stadt insgesamt als recht teuer. Aber: Kulinarisch gingen erneut alle Träume in Erfüllung. Und in Sachen Fußball konnte ich meine Begeisterung hoffentlich zu genüge transportieren. Was ich im Frühjahr in Zagreb noch in Sachen Lautstärke für die vorhandene Masse bemängelte, gab’s hier über den gesetzten Erwartungen auf die Ohren. Das gilt zumindest für Crvena Zvezda, während ein Heimspielbesuch bei Partizan auf der eigenen Wunschliste verbleibt.
Unterm Strich hat uns in diesem Jahr Kroatien eine ganze Ecke mehr begeistert als Serbien. Zumindest anhand der bisherigen Eindrücke aus den jeweiligen Hauptstädten. Nicht unwahrscheinlich also, dass es uns bei zukünftigem Hunger auf Ćevapi eher ins Land westlich der Donau treibt.







































