3. Liga: TSV Havelse – MSV Duisburg

21.09.2025
7. Spieltag 3. Liga
TSV Havelse - MSV Duisburg
Eilenriedestadion
Endergebnis: 1:1 (0:0)
Zuschauer: 3.012 (2.000 Gäste)
Ticket: 28€

Keine Klimaanlage im Hotelzimmer, daher offenes Fenster im ersten Stock mit Kopfsteinpflaster vor der Tür. Ruppig ist noch untertrieben, wenn ich an die Nacht und die vielen Autos denke. Doch die paar Bierchen am Vorabend sorgten dann doch für ein paar Stunden Schlaf und der Kaffee am frühen Vormittag half auf die Beine. Und spätestens, als wir von der Unterkunft zum Parkplatz stapften, weckte uns der kalte Wind vollends auf. Samstag 31 Grad und Sonne, nun 18 Grad und die ersten Tropfen vom Himmel. Herbstanfang, wie er im Buche steht.

Eine knappe Stunde ging es nun westwärts in die Landeshauptstadt Niedersachsens, wo wir, dank der frühen Ankunftszeit, einen Parkplatz unmittelbar vor den Eingangstoren des heutigen Spielorts fanden: dem Eilenriedestadion. Nicht nur Trainingszentrum von Hannover 96 und Heimstätte der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Nord, sondern ebenso Ausweichstadion des TSV Havelse, der wohl derzeit am meisten polarisierende Verein der dritten Liga. Allerdings nicht unbedingt aufgrund positiver Schlagzeilen. Gast war heute der MSV Duisburg, die Mannschaft der Stunde. Kurz: Die derzeit bestmögliche Art, diese ehemals historische Bude zu besuchen.

Allerdings dauerte es ein wenig in Sachen Einlass, sodass wir uns etwas länger als gewollt die Beine vor den Eingangstoren in den Bauch stellen mussten. Öffnung war zwar zwei Stunden vor Spielbeginn, allerdings auf einmal nur für die Gäste. Der Heimbereich machte nur neunzig Minuten vorher auf. Auch noch nicht erlebt. Hitzige Diskussionen zudem am Heimeingang, der als solcher nicht zu erkennen war, deckten sich doch Unmengen an Zebras für die Westtribüne mit Karten ein. Da witterte der lokale Sicherheitsbeauftragte seine große Stunde und schickte die Leute zurück zu den Autos zum Umziehen. Argumentiert wurde das Ganze mit Hannoveranern, die das nicht wollten und Stress machen würden. Während 96 gleichzeitig selbst in Dresden an den Start ging. Ist klar. Da war auf alle Fälle jemand sehr wichtig heute.

Dann ging’s endlich rein und direkt zum Verpflegungsstand. Die Ernüchterung folgte zugleich, gesellte sich neben die feine Brat- oder Rindswurst auf Pappe doch lediglich eine blasse, halbe Scheibe Toast. Tristesse pur in Niedersachsen in der Hinsicht. Die Wurst war zwar top, aber ohne frisches Brötchen fehlt einfach etwas. Und lässt die 4,50€ dafür auch irgendwann nicht mehr rechtfertigen. Aber über die hiesige Preispolitik (passendes Spruchband auch später dazu von den Gästen) ist sowieso genug gesagt.

Für 28 Tacken fanden wir schließlich unsere Plätze recht zentral auf der Westtribüne, die einen perfekten Blick auf die 2016 runderneuerten Ränge ermöglichten. Leider, leider, leider nahmen wir das alte Rund nicht mehr mit. Damals ein 18.000er Bau mit flachen Rängen und Laufbahn, die heute noch schemenhaft hinter der Westtribüne zu erkennen ist. Lediglich die alte Haupttribüne blieb erhalten, die, durch die Drehung des Spielfeldes um 90 Grad, nun hinter einem der Tore steht und nicht mehr benutzt wird. Wobei, nicht für Zuschauer, aber als Fitnessstudio, zieren dort doch etliche Geräte die oberen Bereiche hinter den letzten Sitzreihen. Somit stehen derzeit nur die neugebauten Seiten sowie daneben errichtete Stahlrohrtribünen den Zuschauern zur Verfügung, die die Kapazität auf die angeforderten 5.001 schrauben. Warum man allerdings sichtbehinderte Plätze hinterm Flutlicht errichten musste…

Verkaufen oder gar brauchen wird man die Plätze wohl nie, nur für die sinnfreien Auflagen des Verbands. Die sind auch der Grund, weshalb Havelse auch nicht in der eigentlichen Heimspielstätte in Garbsen antreten darf. Mal wieder ein generelles Unding, zumal im dortigen Wilhelm-Langrehr-Stadion in der Vergangenheit bedeutend größere Partien ausgetragen wurden. Pokalspiele, Endrundenspiele der damals drittklassigen Oberliga sowie ein gesamtes Zweitligajahr. Ja, richtig gelesen, in der Saison 1990/91 war der TSV Havelse Zweitligist. Im gleichen Jahr wurde Lautern deutscher Meister und S04 gewann die Felge. Duisburg, der heutige Gegner, sicherte sich die Vizemeisterschaft im Unterhaus und begann seine Zeit als Fahrstuhlmannschaft. In Havelse übernahm man sich damals heftig mit dem einen Jahr im Unterhaus, woraus in den folgenden Jahren der Abstieg bis in die Sechstklassigkeit resultierte, ehe in diesem Jahrzehnt der nunmehr zweite Aufstieg in die dritte Liga gelang.

So weit weg von der eigentlichen Heimat scheint aber auch diese Saison nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Es fehlt am Rückhalt der eigenen Fans (15 Kilometer bis zum Eilenriedestadion fährt auch nicht jeder zu jedem Heimspiel), während eine als solche zu bezeichnende Fanszene erst gar nicht existiert. So verwunderte der bisherige Zuschauerschnitt auch überhaupt nicht. Ebenfalls klar war im Vorfeld, dass die Gäste aus dem Ruhrpott den Großteil des Publikums stellen sollten. War dann auch so.

Es mutete schon einer kleinen Invasion an, denn wirklich jeder Sektor und gefühlt sämtliche unserer Sitznachbarn hielten es mit den Zebras. Mindestens 2.000 der fast genau 3.000 Anwesenden drückten Duisburg die Daumen und verkündeten dies auch lautstark. Die aktive Szene rund um die Kohorte und Proud Generation (mitsamt Freunden von De Graafschap) positionierte sich derweil auf der gesamten Osttribüne und füllte diese, bis auf den nicht überdachten Steher, beinahe vollständig. Zahlreiche Zaunfahnen fanden dabei den Weg an die Banden, die gemeinsam mit der starken Anzahl an Schwenkfahnen und Doppelhalter die komplette Seite in blau-weiße Farben tauchte. Wirklich ein starker Anblick, der durch die teils sehr hohe Mitmachquote, vor allem bei Klatscheinlagen, zusätzlich geprägt war.

Bei Gassenhauern stiegen auch gerne mal alle der 2.000 Gäste mit ein, wobei die stattliche Anzahl der im Heimbereich situierten Gäste sowieso sehr häufig beim Support mitzog. Teils richtig laut und bockstark, was hier abging. Vom Liedgut sind wohl eher die Traditionalisten des deutschen Supports angetan, greift man augenscheinlich seit zwanzig Jahren zum gleichen Gesangsbuch. Nicht falsch verstehen, denn der Stil hat eben auch was, zieht vor allem bei großen Fahrten alle mit und führt zu lautstarken Momenten. Nur mein Lieblingsstil wird er wohl nicht mehr werden, da sind mir persönlich die kreativ-melodischen Kurven lieber. Unterm Strich passte der Stil situativ aber gut zum umkämpften Kick auf dem Platz.

Dort schien eigentlich vor Anpfiff schon alles klar: Duisburg mit sechs Siegen aus sechs Spielen Tabellenführer, Havelse siegloser Tabellenletzter. Ein ungleiches Aufsteigerduell, bei dem im Vorfeld eigentlich nur über die Höhe des Sieges der Meidericher diskutiert wurde. Und der MSV war auch die ganze Zeit am Drücker, tat sich nur unfassbar schwer. So dauerte es bis zur 90. Minute, ehe die Gäste die Kugel ins Netz legten – krasser Torjubel inklusive. Und Startschuss der besten fünf Minuten auf den Rängen. Zur Melodie von „Wackelkontakt“ mitsamt geilem Text ging die Hütte abartig steil und sorgte für eine unfassbare Atmosphäre zwischen Freude und Sehnsucht. Der Startrekord schien noch weiter ausgebaut, der siebte Sieg in Folge zum Greifen nah. Dann kam die 97. Minute, ein letzter Angriff von Havelse – und die Kugel lag im Netz.

Stille bei den Gästen, die den Jubel der Heimfans beinahe zu ersticken vermochte. Was für ein Finale eines Fußballspiels! Der nächste Pfiff war der Schlusspfiff, die Punkteteilung endgültige Sache. Applaus gab es auf beiden Seiten, so früh in der Saison ist das ja auch noch kein Dämpfer. Gespannt sind wir auf alle Fälle, ob sich der MSV weiter in Richtung zweiter Liga bewegt. Eine Bereicherung fürs Unterhaus wäre der Anhang der Zebras ohne Frage! Wir machten uns anschließend kurz vor den aufziehenden Regenwolken auf den Weg zum Gefährt und setzten den lange geplanten Haken ans Eilenriedestadion. Mit guten Erinnerungen ans Wochenende in Niedersachsen (bis auf die unruhige Nacht) ging es wieder zurück ins Rhein-Main-Gebiet.