2. Bundesliga: Hertha BSC – SV Elversberg

29.08.2025
4. Spieltag 2. Bundesliga
Hertha BSC - SV Elversberg
Olympiastadion
Endergebnis: 0:2 (0:1)
Zuschauer: 39.680 (310 Gäste)
Ticket: 18,70€

Berlin auswärts – eine Geschichte, die sich noch immer surreal anfühlt. Egal ob beim ersten oder nunmehr dritten Mal, es ist und bleibt besonders. Wie ein Regisseur, der all die Jahre gerade so mit irgendwelchen Spartenfilmen über die Runden kommt, nun aber seinen ganz großen Hit landete und den roten Teppich zur nationalen Preisverleihung beschreitet. Doch der erste Award wurde bereits im Vorfeld verliehen, und zwar keiner der guten. Die goldene Himbeere in Sachen Ansetzung geht an die DFL. Mal ganz ehrlich: Ja, jeder muss mal freitags ran, auch auswärts. Aber ausgerechnet das Elversberger Gastspiel in Berlin, eine der längstmöglichen Distanzen der Liga? Danke dafür!

Bedeutete für uns zunächst die Anreise via Flixtrain am Donnerstagabend verbunden mit einem Arbeitstag am Freitag aus den vier Wänden unseres Hotels in der Nähe des Alexanderplatzes. Ging immerhin einigermaßen klar und ließ die Zeit bis zum Nachmittag fix verfliegen, ehe wir uns mit der S-Bahn auf den Weg zum Olympiastadion machten. Kurze Zeit später lag die Bude erneut vor uns. Zum bereits dritten Mal mit Elversberg und zu unserem vierten Besuch insgesamt. Ein weites Rund, das wohl für immer eine Wucht bleiben wird. Als Bühne der heutigen Zeremonie allerdings Fluch und Segen zugleich. Ja, es ist und bleibt eines der ikonischsten Stadien des Landes. Viele Anhänger der verschiedensten Clubs Träumen davon, einmal diese legendären Traversen zu betreten. Ein oft besungener Sehnsuchtsort, der wie kein anderer für sportliche Erfolge und bittere Niederlagen steht.

Fakt ist: In keinem anderen Stadion der Republik werden mehr bedeutende Pokale verliehen als im Berliner Olympiastadion. Doch es ist auch eine Bühne, die leider viel zu groß ist. Zumindest für die Hertha, die die grauen Ränge alle zwei Wochen nie in Gänze in ihre blau-weißen Farben tauchen kann. Allerdings sehe ich die Berichterstattung über den Andrang als absolut nicht fair. Da werden knappe 40.000 Herthaner an einem Freitagabend gegen Elversberg als zuschauertechnischer Tiefpunkt seit Monaten verschrien. Als sei quasi keiner da. Und ja, die Traversen rund um die große Bühne des heutigen Abends schienen nur spärlich gefüllt. Doch die Zahl ist es, die eigentlich beeindrucken sollte. Da kommen 40.000 an einem Freitagabend gegen Elversberg, trotz der sportlichen Nichtleistung in den bisherigen Partien. Ehrlich: Zwei Drittel der Liga und die halbe Bundesliga wäre doch froh, diese Zahl in einem Heimspiel überhaupt ein einziges Mal zu erreichen. In einer nur so mit allen möglichen Alternativen gespickten Stadt wie Berlin eine mehr als akzeptable Kulisse für den Abend!

Bevor die große Show jedoch beginnen konnte, stand die Verpflegung im Rampenlicht… allerdings nicht im Gästeblock, denn dort blieb die Bewirtung den Saarländern verwehrt. Ein Unding für die zweite Liga, ganz gleich ob 300 oder 3.000 die Traversen bevölkern. So mussten wir vor den benachbarten Block stapfen, ehe Bier (warum auch immer in Berlin Beck’s ausgeschenkt wird?) und Schnitzelbrötchen über den Tresen wanderten. Zumindest letzteres sackte den Preis für die beste Nebenrolle des Abends ein, denn der kross gebratene Lappen im knusprigen Brötchen mundete vorzüglich!

Mit gestilltem Durst bezogen wir nun unsere Plätze im völlig überdimensionierten Block, in dem sich gerade einmal 310 Gäste verliefen. Wobei, immerhin 310 würde ich auch hier sagen, wenngleich Berlin als touristische Destination an jedem Wochentag zieht. Jedoch vielmehr eben jene Touristen statt den normalen Kurvengängern, was sich recht früh abzeichnete. So gelang es in diesem Jahr zwar, dank gespannter Zaunfahnen alle im oberen Bereich zu vereinen, allerdings beteiligten sich vielleicht 30% am etwas oberhalb des Sporadischen angesiedelten Support. Nur ganz selten wurde es mal laut, während auf optische Elemente wie Schwenker sogar ganz verzichtet wurde. Keine schlechte Entscheidung, sonst hätte der kleine, aktive Haufen am Ende komplett alleine da gestanden. Dennoch war die Geschichte deutlich besser als im letzten Jahr und vor allem gegen Ende sogar verhältnismäßig gut.

Den Preis des besten Supports schnappte sich jedoch der Favorit namens Ostkurve. Wenngleich auch dort so einige Lücken klafften, beteiligte sich sowohl der Unter- als auch Oberrang nahezu durchgehend an der akustischen Unterstützung, die, auch aufgrund der vielen freien Plätze, oftmals in brachialen Wellen die gegenüberliegende Seite flutete. Geschlossene Schalparaden und Sprungeinlagen, dazu Gassenhauer, die mit jeder Silbe vernommen werden konnten. Für mich eine der quantitativ besten Kurven des Landes, die leider aufgrund ihrer viel zu großen Bühne immer wieder unterschätzt wird. Schauen wir mal, ob das La Bombonera der Hauptstadt irgendwann einmal errichtet werden wird. Wenn, dann wird es wohl eine der lautesten Buden des Nordens!

Und auch hier versteht sich die Ostkurve nicht nur als stiller Zuschauer der Zeremonie, sondern als möglichst lautes Bestandteil. Als beeinflussende Größe des gesamten Schauspiels. Neben der Forderung der Abschaffung der Verbandsstrafen sieht man sich vor allem nicht als Spielball der Politik und bezog in diesem Thema mittels Spruchband Stellung: “GDP: Krawallszenarien konstruieren und Fans diffamieren – kein Lobbyismus auf unserem Rücken! – Grundrechte fallen – Datenschutz erodiert – Polzeitsaat wächst! – Kopelke in die Schranken weisen”.

Schließlich wanderten die Augen aufs Spielfeld, auf den heiligen Rasen. Und auf die 90 Minuten, die vielmehr bedeuten, als Sieg oder Niederlage. Ein Gradmesser für die Stimmung des restlichen Wochenendes. Werden es schöne Tage hier? Oder geht man unter und will eigentlich nur noch Heim? Es sollte ein Abend nach unserem Geschmack werden. Bereits frühzeitig empfahl sich der junge Younes Ebnoutalib mit seinem Treffer aus spitzem, ja fast schon unmöglichem Winkel für den Award des Spieler des Spiels. Doch die gesamte Elversberger Mannschaft überzeugte, und zwar auf jeder Position. Hinten dicht, vorne brandgefährlich. Viele hochkarätige Chancen, teils schön herausgespielt, teils durch wuchtige Abschlüsse aus den hinteren Reihen. Da passte alles und jeder rannte für jeden.

Und Hertha? Immer einen Schritt zu spät und vorne ideenlos, ja fast schon ungefährlich. Kein Abschluss, der Kristof jemals wirklich in Bedrängnis brachte. Pfiffe zur Halbzeit, die Show gefiel wahrlich nur der kleinen Minderheit im Gästeblock, die ihre Farben dennoch stolz besang. Dann Anpfiff zweiter Durchgang, wieder der junge Younes, der seinen letzten Treffer in einem Pflichtspiel für den FC Gießen in der Regionalliga Südwest erzielte. Wieder Vorlage Petkov und hinein ins Glück! So früh wie die zweite Bude auch fiel, so klar war der damit verbundene Auswärtssieg. Denn von der stark verunsicherten Hertha kam nix mehr außer eine gelb-rote Karte. Von Starspieler Fabian Reese nichts zu sehen, aber immerhin hatte er die Haare schön. Affiger geht’s kaum, wie eine nordische Prinzessin kurz vor dem Kuss des Prinzen.

Wachgeküsst wurden die Hauptstädter jedoch nicht mehr, sodass der finale Pfiff den verdienten Sieg der SVE zementierte. Vier Spiele, neun Punkte, dazu im Pokal eine Runde weiter. Vom Aderlass im Kader keine Spur. Vielmehr scheint der Elversberger Fussball sogar noch besser zu funktionieren. Die Trainerhandschrift ist klar zu erkennen, die Spieler funktionieren. Ein preisverdächtiges Gesamtbild, das derzeit Woche für Woche begeistert. Laut somit die finalen Jubelschreie, die im gellenden Pfeifkonzert des Olympiastadions untergingen. Mal wieder eine tabellarisch verkehrte Welt: Der Favorit auf den Aufstieg tief im Keller, der alljährlich gesetzte 18. in der Spitzengruppe. Ja, der Weg ist noch weit, gerade erst vier Spiele sind gespielt. Doch wer sich auf solchen Bühnen so stark präsentiert, kann vieles schaffen…

Der Rasen verwaiste, die Ränge leerten sich, doch die Freude blieb. Afterparty in einem versifften Laden bei Döner und Bier. Berlin eben. Lieben wir!