J1 League: Vissel Kobe – Nagoya Grampus

15.06.2025
20. Spieltag J1 League
Vissel Kobe - Nagoya Grampus
Misaki Park Stadium
Endergebnis: 2:1 (2:0)
Zuschauer: 22.175 (2.000 Gäste)
Ticket: 4.110¥ (~25€)

Sonntagmorgen. Anbruch des letzten, vollen Tages unserer Reise. Einer, der uns im Vorfeld längeres Kopfzerbrechen bescherte. Denn die Bleibe, bzw. vielmehr unser Standort in Kyoto schien mit dem Rückflug ab Osaka Itami eigentlich ideal, doch machten wir die Pläne ohne die japanische Bahn. Denn die startet ihre Züge frühestens um kurz vor sechs in der Früh, während unser erster Flug nach Tokyo-Haneda bereits um Punkt sieben Uhr abheben sollte. Dazu kam das kleine Thema Kobe am Sonntagabend. Wird alles sehr eng bis unschaffbar, vom fehlenden Schlaf ganz zu schweigen. Daher hieß die Lösung am Sonntagmorgen Koffer packen, Auschecken und mittels Airport-Bus vom Hauptbahnhof in Kyoto nach Osaka-Itami überzusetzen. Dort parkten wir das Gepäck in der gebuchten Bleibe direkt im Terminal. Sparte Zeit am nächsten Morgen und ermöglichte immerhin vier bis fünf Stunden Schlaf.

Die Geschichte also geklärt und die Hände frei, konnten wir uns nun der letzten Station des Trips widmen: Der Hafenstadt Kobe. Dazu ging es via Monorail und lokaler Bahn zunächst zum Bahnhof Osaka Umeda, von wo aus die in den JR-Pässen enthaltene Linie gen Kobe genommen werden konnte. Lediglich 20 Minuten später erreichten wir bereits die Station Sannomiya im Zentrum der Hafenstadt, die unsere morgendliche Deonutzung auf die Probe stellte. Tags zuvor 20 Grad und Dauerregen in Nara, heute über 30 Grad, Sonne pur und 90% Luftfeuchtigkeit. Da lief die Brühe an den Wänden der Brücken und Überführungen genauso runter wie von meiner Stirn. Einmal mehr regierte die Dankbarkeit über die Entscheidung, genau deswegen hier einen Monat früher aufgeschlagen zu sein als im letzten Jahr.

Immerhin Schatten hatten wir beim Gang durch die vollen Marktstraßen (inklusive Stopp am gut sortierten Vissel Fanshop im Zentrum), die uns geradewegs nach Chinatown führten. Hier duftete und brutzelte es an jeder Ecke, allerdings hatten wir zwecks Mittagessen andere Termine. Zuvor besuchten wir aber den alten Hafen, der nach dem verheerenden Hanshin-Erdbeben 1995 wieder aufgebaut wurde. Ein kleines Stück wurde allerdings im zerstörten Zustand belassen und dient als Gedenkstätte für eine der größten Katastrophen, die das Land je heimgesucht hat.

Von Hafenkränen wie damals fehlt aber heute jede Spur. Stattdessen pulsiert das Leben zwischen dem markanten, rot-weißen Port Tower und vielen anderen Wolkenkratzern, die das Stadtbild prägen. Wenn nicht direkt unter der gleißenden Sonne, könnte man es hier richtig gut aushalten. Die hungrigen Mägen trieben uns nun in eine Mall im Bezirk „Harborland“, wo eine kleine Portion DER bekanntesten Speise der Präfektur Hyōgo schlechthin verspeist wurde: Kobe Beef, frisch vom Tischgrill direkt vor uns. Ein Gedicht und uns definitiv jeden Taler wert, wenn auch längst nicht so teuer wie gedacht.

Gestärkt machten wir uns zeitig per Metro auf zur Station Wadamisaki, denn der anstehende Kick am Abend rief. Und zwar laut. Kobe gegen Nagoya bedeutete das Aufeinandertreffen zweier Kurven, die ich zu den absolut Besten im ganzen Land zähle. Entsprechend groß war die Vorfreude, entsprechend schnell die Schritte vom Ausgang der Station bis zur Spielstätte, die wir wenig später in einem Park erblickten. Keine 500 Meter vom Meer entfernt stand es da, das Misaki Park Stadium. Einst stand hier das 1970 erbaute Kobe Central Football Stadium (mitsamt der ersten Flutlichtanlage im japanischen Fußball), das im Zuge des heutigen Neubaus 1999 weichen musste. Bis 2001 wurde geschuftet, um schließlich 2002 drei Gruppenspiele der WM auszutragen, ehe der finale Umbau zwecks Reduktion der Kapazität von 42.000 auf die heutigen 32.000 bis 2003 erfolgte.

Und dennoch ist es eine wahre Wucht von Außen. Vor allem die geschwungenen, halbrunden Seitentribünen wirken um ein Vielfaches größer als sie letztlich Sitze offerieren. Schonmal sehr stark, genau wie das umtriebige Umfeld, in dem eine niemals in diesem Ausmaß gesehene Anzahl an Verpflegungsoptionen zur Verfügung stand. Mehr Auswahl als in manchen Malls hier. Wir bestiegen allerdings fix die große Gegengerade und bezogen unter den bereits lauten Gesängen der beiden Kurven unsere Plätze. Top Aussicht auf alle Bereiche der Spielstätte inklusive, die auch von Innen phantastisch ausschaute. Große Haupt- und Gegentribüne, kleinere und abgeflachte Hintertorseiten, wobei die Heimkurve im Süden eine vorgebaute Erweiterung aus Stahlrohr spendiert bekam. Seltsam waren lediglich die farbigen Umrandungen der sonst grauen Sitzblöcke, die mich etwas an Mahjong-Steine erinnerten. Sonst aber eine echt schicke Bude, die dem amtierenden Meister hier zur Verfügung steht.

Vissel Kobe, ja, der Name sagt wohl den Meisten was. Unter anderem Lukas Podolski und Andrés Iniesta verhalfen den Rot-Weiß-Schwarzen zu internationaler Bekanntheit. Damals waren die Verpflichtungen ein schlauer Schachzug zwecks medialer Aufmerksamkeit, zumal erfolgreicher Fußball in Kobe bis dahin nicht wirklich gekickt wurde. Der Vorgängerverein, der 1966 gegründete Kawasaki Steel Soccer Club, kam sogar noch nicht einmal aus Kobe, geschweige denn aus der eigenen Präfektur. Nein, in Okayama kickte die Werksmannschaft ohne große finanzielle Unterstützung in unteren Ligen, ehe 1994 Umzug und Umfirmierung zu Vissel Kobe erfolgte. Der Neologismus „Vissel“ besteht dabei aus „Victory“ und „Vessel“ (Schiff).

Aufgrund des verheerenden Erdbebens 1995 noch ohne Chancen, gelang Ende 1996 der zweite Platz im Unterhaus, der (aufgrund der fehlenden Lizenzierung des Honda FC) zum erstmaligen Aufstieg in die noch junge J1 berechtigte. Von einer Etablierung als Spitzenteam konnte allerdings keine Rede sein. Misserfolg gepaart mit finanziellen Turbulenzen führten zu stetem Abstiegskampf und zwei Jahren in der J2 (2006 und 2013). Erst in der jüngeren Vergangenheit entwickelte sich in Kobe eine schlagkräftige Mannschaft, die unter Trainer Thorsten Fink mit dem Kaiserpokal 2019 ihren ersten Titel holte. 2023 folgte dann die erste Meisterschaft, die 2024 nicht nur verteidigt, sondern gleich mit dem Double übertroffen wurde.

Derzeit thront Kobe also an der Spitze des japanischen Fußballs, was selbstredend auch die Massen auf die Traversen lockt. Und die Südkurve zeigte sich bereits eine knappe Stunde vor Anpfiff nicht nur gut gefüllt, sondern farbenfroh und sangeslustig. Angeführt von der Gruppe „11Stones“, samt Mod-Logo und Corto Maltese auf der Zaunfahne, gabs zunächst die üblichen, spielerbezogenen Gesänge auf die Ohren, ehe etwa 30 Minuten vor Anpfiff eine ungewöhnliche Tradition zur Schau gestellt wurde. Statt gewohntem Abstand zwischen den Leuten durch die Sitze in der Kurve rückten nun alle zusammen und formten eine dichte Mitte. Zeigte alleine schonmal, wie viel Leute man hier mehr unterbekäme, wenn man auf Stehränge setzen würde. Umso geschlossener war die nun folgende Einstimmung der Kurve untereinander.

Dichte Klatscheinlagen, bockstarke Schlachtrufe und Sprungeinlagen Arm in Arm (Novum für mich in diesem Land!) begeisterten bereits ohne Ende und zeigten das vorhandene Potenzial der Kurve, das auch in den folgenden mehr als 90 Minuten quasi permanent abgeschöpft wurde. Keine ruhigeren Phasen, kein leiser werden, keine Stille. Bombastisch die Schalparade zum Clubsong, der auch hier nur a cappella vorgetragen wurde. Doppelhalter in der gesamten Kurve, dazu etliche Schwenker, während die tiefen Klänge der Hymne lediglich in der zweiten Wiederholung von langsamen Trommelschlägen untermalt wurden. Gänsehaut-Moment, ehrlich. Aber auch nur Startschuss der unfassbaren Kurvenshow hier.

Als Vorbild in Sachen Tifo wählte man in Kobe das Mutterland der Ultras. Das sah, hörte und spürte man durchgängig. Melodien, die in Mark und Knochen wanderten. Lieder, die so stark klangen, dass ich fast permanent das Handy zückte, um hier und da mal einen Moment abzufilmen und festzuhalten. Hier trifft man eben auch höhere Töne und verwandelt dadurch Gesänge in absolute Kunstwerke. Gängige Melodien erhielten häufig eigene Kniffe, während aber auch die üblichen Klassiker europäischer Kurvenkultur zelebriert wurden. Mitte der zweiten Hälfte machte die Kurve einen kurzen Abstecher auf die Insel („We love you and where you go we’ll follow“, „Go West“ und einige weitere bekannte Chants), ehe es mit „Im Wagen vor mir“ gar Henry Valentino ins Repertoire schaffte. Eine lautstarke, höchst melodische und geschlossene Kurve. Nochmal mehr als ausgemalt und erwartet. Ganz, ganz stark!

Vervollständigung fand der Abend allerdings erst mit den Gästen aus Nagoya. Etwa 2.000 an der Zahl, bei lediglich zwei Stunden Entfernung fast schon ein Derby. Und auch hier war der optische Tifo absolut großartig. UN flaggte mit etlichen Fetzen an die hohen Wände, verteilte unzählige Schwenker und Doppelhalter im gesamten Gästeblock und färbte die Kurve dadurch in ein leuchtendes Rot und Gelb. Starke Optik, die auch hier über die volle Distanz anhielt. Auf die Ohren gab’s nochmal mehr Italien. Schnell, laut und erneut sehr leidenschaftlich. Klassiker europäischer Kurven, gemischt mit eigenen Interpretationen der Marseillaise sowie dem höchst melodischen Klang von Avanti ragazzi di Buda.

Und auch auf dieser Seite des Stadions regierte die Geschlossenheit. Ein jeder zog bei jedem Lied und bei jeder Klatscheinlage mit, von weit vor Anpfiff bis zum Schlusspfiff. Wie schon im Vorjahr, als wir Nagoya bei Cerezo Osaka erleben durften, blieb auch der heutige Auftritt lange in Erinnerung. Zwei astreine Kurven also, die unsere Köpfe ähnlich eines Tennis-Matches hin und her wandern ließen. Das war einfach stark, machte Spaß ohne Ende und war mit der Grund unserer Reise.

Sportlich war es hingegen erneut etwas zerfahren. Beide Teams, die tabellarisch ihrem Anspruch zu dem Zeitpunkt etwas hinterherliefen, konnten den geneigten Fußballfan nicht unbedingt mit einem ansprechenden Spiel begeistern. So war es für uns auch unerklärlich, wie Kobe mittels Doppelschlag vor der Pause hier mit einer 2:0-Führung in die Katakomben laufen konnte. Keine Frage ob verdient oder unverdient, doch gefühlt waren es zwei Buden mit dennoch 0 Torchancen auf der Anzeigetafel. Ganz seltsam mitanzuschauen. Alles im Griff hatte derweilen der Unparteiische Robert Jones aus der englischen Premier League, der, wie seine deutschen Kollegen Florian Badstübner und Martin Petersen, zum Zweck eines Austauschprogramms vom japanischen Verband eingeladen wurde und Erstligaspiele leitete.

Aber auch er wird sich nach Wiederanpfiff gewundert haben, wie und warum auch der dritte Treffer heute fallen konnte – der Anschlusstreffer für die Gäste. Wieder so ein krummes Ding, durch das Nagoya nun wieder im Spiel war. Doch Vissel verteidigte und hielt hinten dicht, sodass am Ende der Heimsieg festgemacht werden konnte. Großer Jubel entsprechend in der heimischen Kurve, die sowohl die Torschützen feierte als auch den Vereinssong erneut voller Inbrunst skandierte, während im Gästeblock Schweigen angesagt war. Schnelles und hektisches Einrollen der Fahnen, keine Reaktion in Richtung der eigenen Kicker. Läuft derzeit wohl nicht ganz rund in Toyota City. Jubel dagegen in Dunkelrot, da Kobe durch den Sieg tabellarisch gut kletterte. Mal schauen, wie lange die aktuelle Erfolgswelle hier anhält. Wir waren jedenfalls absolut begeistert vom Gesehenen und schon jetzt traurig, dass sich die Zeit hier allmählich dem Ende näherte.

Mitsamt den dunkelroten Massen ging es zurück zur Metrostation, wo wir uns gerade noch in die nächste Bahn quetschen konnten. Ich hab ja anfangs die schwülen Temperaturen beschrieben. Dass der Kurvengänger hier trotzdem alles gibt, steht außer Frage. Entsprechend roch es in dem Gefährt. Dank der vielen Griffe über den Köpfen wurde unter den Armen auch stets gut gelüftet… Waren zum Glück nicht allzu viele Stationen, bis wir am Ausgangsbahnhof Sannomiya wieder eintrudelten, wo auch gleich der Express nach Osaka eintraf. Mit dem in gut 20 Minuten Umeda erreicht, wo wir uns noch dem Abendessen widmen wollten. Wenn wir denn den richtigen Ausgang zeitig finden würden. Schön, dass hier alles nummeriert ist, allerdings ist die Navigation in diesem Labyrinth aus Tunneln so unfassbar schwierig, dass es auch nicht weiterhilft, dass der gesuchte Ausgang J3 genau zwischen H52 und 7-58 liegt. Den Laden für astreine Ramen namens Ramen Kio Hankyu-higashidori fanden wir am Ende trotzdem. Letztes Jahr schon besucht und auch dieses Mal als perfekt bewertet!

Gesättigt nahmen wir die Hankyu-Line nordwärts bis Hotarugaike, stiegen für eine Station in die Monorail und erreichten den Flughafen Itami kurz nach seiner Schließung. Über den Seiteneingang rein ins Hotel, eingecheckt und festgestellt, dass man unseren Kram dankenswerterweise bereits ins Zimmer schob. Netter Service! Kurz vor ein Uhr in die Kiste und den Wecker vier Stunden weiter gestellt. Aber Ausschlafen wird ja sowieso überbewertet. Die paar Stunden Ruhe den Körpern gegönnt, schoben wir uns nach dem Aufstehend fix ein am Vorabend im Konbini besorgtes Frühstück zwischen die Kiefer, ehe wir mit dem Aufzug hinunter in die Check-In Halle fuhren. Koffer abgegeben, fix durch die Kontrolle und rein in den ersten Flug des Morgens, der uns in einer knappen Stunde bis Tokyo-Haneda brachte, kleiner Blick auf den Fuji inklusive. In Haneda erneut durch die Kontrollen geschoben und im internationalen Bereich des T2 ein wenig Zeit gehabt, sodass auch hier ein paar finale, leckere Snacks in die Taschen wanderten, ehe uns ANA in gut 14 Stunden zurück nach Frankfurt brachte.

Viel Zeit für einen Film hier und da, aber auch zur Sichtung der entstandenen Bilder und Videos der vergangenen knapp drei Wochen. Was haben wir hier wieder erlebt. Was hat uns dieses Land erneut begeistert. Egal ob kulturell oder kulinarisch. Ob auf dem Land oder in den Großstädten. Ob in der ersten oder in der dritten Liga. Jeder Tag war besonders, jeder Tag hatte eine Geschichte. Und um den Bogen zu unserem ersten Text zu spannen: Das Land wird uns auch zukünftig nicht loslassen. Klar, es wird durch die verschobene Saison nun alles schwieriger, allerdings wird uns Japan auf alle Fälle wiedersehen. Vielleicht nicht im nächsten Jahr. Aber bald. Die Ligen müssen ja alle vollgemacht werden, hehe!