07.06.2025
15. Spieltag J3 League
Kamatamare Sanuki - FC Osaka
Yashima Stadium Takamatsu
Endergebnis: 0:3 (0:0)
Zuschauer: 2.812 (120 Gäste)
Ticket: 3.610¥ (~22€)
Nicht nur in der Heimat ist die Länderspielpause eine stete Herausforderung. Auch in Japan pausieren die ersten beiden Ligen, weshalb die Aufmerksamkeit einmal mehr der J3 galt. Zwar wäre auch einiges im Pokal gegangen, allerdings stehen die Begegnungen meist erst drei bis vier Wochen vorher fest, womit bei einer solchen Reise natürlich nicht zu planen ist. Unter anderem deshalb entschieden wir uns frühzeitig für einen längeren Abstecher auf die Insel Shikoku als zweites Kapitel unseres Trips. Auf der kleinsten der vier Hauptinseln Japans mit ihren weniger als 4 Millionen Einwohnern erhofften wir uns vor allem viel Natur und Ruhe. Sprich: Mal raus aus den großen Metropolen. Dafür ging es am Freitagmorgen zunächst nach Hakata, dem Hauptbahnhof Fukuokas, von wo aus uns ein Shinkansen in Windeseile nach Okayama brachte. So schnell, dass vielleicht die Hälfte des gekauften Bentos den Weg in den Magen fand.
Viel Zeit blieb uns am Standort des frisch gebackenen Erstligisten ebenfalls nicht, denn der „Marine Liner“ gen Takamatsu wartete bereits mitsamt unserer reservierten Sitzen auf seine Abfahrt. Dass hier alles auf die Sekunde pünktlich fährt und perfekt aufeinander abgestimmt ist, brauche ich nicht weiter zu erwähnen. Eine Utopie des Bahnfahrens. Seltsam war jedoch der Wagon mit unseren Sitzen. Die befanden sich im unteren Teil des Doppelstockwagens. Allerdings so tief, dass wir Kaugummis unter den Schuhsohlen der vorbeilaufenden Passanten hätten erkennen können. In einer guten Stunde, inklusive klasse Aussichten von der Seto Ohashi Bridge auf die kleinen Inseln der Meerenge, erreichten wir schließlich Takamatsu, die Hauptstadt der Präfektur Kagawa mit gut 420.000 Einwohnern. Zwecks Bleibe für die nächsten fünf Tage schnappten wir uns hier eine Unterkunft im Süden der Stadt.

Doch zunächst galt es, den vorab gebuchten Mietwagen abzuholen, was beim örtlichen Anbieter Times in der Nähe des Bahnhofs auch gut klappte. Zu beachten war lediglich, dass Japan den internationalen Führerschein nicht anerkennt, den Deutschen samt beglaubigter, japanischer Übersetzung aber schon. Darum kümmerten wir uns bereits im Januar. Kostete 70€, ist aber unbegrenzt gültig. Ebenso buchten wir uns eine IC-Card, also eine elektronische Karte für die Maut, vorab. Spart nicht nur viel Zeit bei den Ein- und Ausfahrten (manche sind sogar ausschließlich für Autos mit IC-Cards), sondern auch gut Kohle, da an manchen Tagen wie sonntags Rabatte greifen. Bei den horrenden Gebühren für jeden Kilometer Expressway nicht unwichtig.
Der Rest der Prozedur ging schnell vonstatten, sodass wir wenig später in unserem blauen Mazda saßen und uns zum ersten Mal in den Verkehr einer japanischen Großstadt trauten. Das Fahren selbst war recht harmonisch und die linke Seite bin ich aus England gewohnt. Warum man hier aber die Hebel für Blinker und Scheibenwischer vertauschte… Forderte zumindest extra Konzentration, um beim Linksabbiegen nicht von der Scheibenwaschanlage überrascht zu werden. Nach kurzem Stopp in einer Mall für erste Besorgungen erreichten wir schließlich unser gebuchtes Häuschen im japanischen Stil. Zweistöckig und wie ein Würfel von Außen, allerdings Innen recht geräumig. Und eine ganze Ecke günstiger als alles, was wir um Fukuoka fanden. Anderes Preislevel hier. Das nutzten wir auch im Supermarkt und shoppten für ein Abendessen in der Bleibe eine gute Portion Wagyu, die wir samt einiger Dosen Bier und japanischem TV im Hintergrund genüsslich verzehrten.
Samstags blieb das Auto in der Einfahrt, denn die Ansetzungen bescherten uns ein Heimspiel von Kamatamare Sanuki. Doch vormittags ging es zunächst in die Innenstadt, wofür die lokalen Züge der Marke Kotoden genutzt wurden. Was hier an altem Material noch Tag für Tag hochglänzend über die Schiene rollt, ist sicherlich das Paradies für jeden Bahn-Fanatiker. Aber auch für uns ein besonderer Anblick, für den man in Europa auf den Balkan oder in ländlichere Teile Italiens reisen müsste. Nur, dass die Rolle des dortigen Rosts hier durch glänzenden Chrom ersetzt wird. So schaukelten wir gemächlich in Richtung Norden, während der Deckenventilator die fehlende Klimaanlage nicht wirklich kompensieren konnte. Zwar waren die Temperaturen noch recht mild, doch die Luftfeuchtigkeit setzt jedem, der sie nicht gewohnt ist, stark zu. Auch uns, und zwar mit voller Breitseite.

Nach Ankunft entschieden wir uns für einen kurzen Abstecher an den Hafen, der in der trüben Suppe allerdings nicht für die gewünschte Aussicht auf die Inseln vor der Küste sorgte. Anschließend schlenderten wir ein wenig durch die schöne Anlage der Burgruine Takamatsus, die in Teilen noch genutzt wird. So erblickten wir in einem der alten, hölzernen Gebäude eine große Gemeinschaft in traditionellen Kimonos, die schweigend den Raum füllten. Schwer zu sagen, ob aufgrund einer privaten Hochzeit oder einer Beerdigung, vermutlich aber Ersteres. Geschwiegen wird traditionell bei Beidem. Ulkig zudem die Aufforderung, herumliegende Tannenzapfen im Park doch bitte aufzusammeln und in dafür bereitgestellte Körbe zu werfen, sollte man denn einen auf dem Boden erblicken. Kein Wunder, dass hier alles wie geleckt ausschaute…
Wir fütterten noch ein wenig die Karpfen in den Becken entlang der großen Wallanlagen, ehe der nahende Anpfiff des mittäglichen Kicks uns zum Aufbruch zwang. Nach kurzem Umstieg in Kawaramachi ging es via Kotoden nun ostwärts in einem eigens für das anstehende Spiel geschmückten Sonderzug, wobei der Blick über die Schultern des Lokführers ein weiteres Detail offenbarte: Die vorgeschriebenen Abfahrtszeiten an den Haltestellen haben nicht nur Minuten, sondern sogar Sekundenangaben. Einfach Wahnsinn. Aufgeregt und fleißig am Fotos knipsen waren allerdings hauptsächlich die Anhänger der Hausherren, war am heutigen Tag doch ein sehr besonderes Heimspiel. Denn es war ein echtes „Heimspiel“ für Kamatamare Sanuki.
Kurzer Exkurs: Die Professionalisierung des japanischen Fussballs ging in den Neunzigern und Anfang der Zweitausender recht schnell vonstatten. Zumindest von Seiten des Verbands und der großen Vereinen. Nicht jedoch in Sachen Infrastruktur. So stellte für viele kleinere als auch mittlere Vereine die Anforderung, in Stadien mit mindestens 10.000 Sitzen (Stehplätze werden in der Kapazität nie mitgezählt) zu spielen, eine große Herausforderung da. Denn viele Städte verfügten und verfügen bis heute lediglich über ein oder zwei Leichtathletikstadien, die mit einer ausgebauten Tribüne nicht infrage kamen und kommen. Das Problem hatte auch Kamatamare, als 2014 der Aufstieg in die J2 gelang. In der eigentlichen Heimat Takamatsu existierte keine geeignete Bude, weshalb ins 40 Kilometer entfernte Marugame umgezogen werden musste. Dort kickt man bis Heute in einem 30.000er Rund vor durchschnittlich weniger als 2.000 Zuschauern.

Nach dem Abstieg in die J3 und der Lockerung auf 5.000 Plätze reiften jedoch die Pläne für eine Rückkehr in die eigentliche Heimat, zumal die Stadt Takamatsu ihr Yashima Stadium renovierte und 2017 wieder eröffnete. Bis zum ersten Profispiel in Yashima sollte es allerdings bis 2024 dauern, als Sanuki aufgrund einer Doppelbelegung in Marugame ausweichen musste. Ein Ereignis, das nicht einmalig bleiben sollte. So wurden für diesen Sommer gleich zwei Partien nach Takamatsu verlegt, worunter auch unser heutiges Spiel gegen den Tabellenführer FC Osaka fiel. Eine glückliche Fügung, wenn auch dadurch das Kreuzen der großen Bude in Marugame vorerst ausfallen musste. Aber das „zwei Mal hinfahren“ bleibt einem in Japan sowieso äußerst selten erspart, wenn man denn die wirklich schicken Buden alle mal gesehen haben möchte. Denn aufgrund von Neubauten (Umbauten kommen quasi nie vor), beim gleichzeitigen Erhalt der alten Schüsseln, die dann auch ein bis zwei Mal pro Saison bespielt werden, steigt die Anzahl der zu machenden Grounds der ersten drei Ligen fix von 60 auf knapp 100.
Viel los war derweilen am Bahnhof in Yashima, während auch das Stadionumfeld einem Volksfest glich. Etliche Stände, Maskottchen, Spiele und der Fanshop warben um das Interesse der zahlreichen Heimfans, worunter wir äußerst stark herausstachen. Schon am Fanshop wurde sich interessiert nach unserer Herkunft erkundigt, während der von einer Schar Omas betriebene Bier- und Karaage-Stand unweit des Eingangs gar nicht erst passiert werden konnte, ohne unter lautstarkem Getose eben jene exquisiten Produkte in beide Hände gedrückt zu bekommen. Nachdem alles verspeist und sich ordentlich bedankt wurde, ging es schließlich hinein in die Bude und rauf auf die Haupttribüne, auf der wir uns zwei Plätze am westlichen Ende suchten.
Die Traversen schienen bereits gut gefüllt, während das sehr Leichtathletik-lastige Stadion einmal mehr einen top gepflegten Eindruck machte. Schön die doppelstöckige Haupt, die im Unterrang fünf und im Oberrang sechs Reihen aufwies, während die ebenso überdachte Gegengerade weitere fünf Reihen zur Kapazität von insgesamt 5.000 Sitzen beitrug. Weitere 1.000 Anhänger fänden auf den Liegewiesen im Westen und Osten Platz, die jeweils vor oder auf Funktionsgebäuden den Rasen umringten. Highlight des Stadions war aber erneut der Ausblick, dieses Mal auf den Berg Yashima, Namensgeber der Halbinsel, in dessen Schatten die Anlage samt Tartanbahn unterhalb der Tribünen errichtet wurde.

Übrigens einer von vielen historischen Spielorten des Vorgängervereins der Hausherren, dem 1956 von Absolventen einer Schule gegründeten Takasho Old Boys Soccer Club. Nach Jahren im Amateurbereich, darunter etlichen erfolgreichen Spielzeiten in der Shikoku League, sowie einigen Umbenennungen (u.a. Kagawa Shiun Football Club; Takamatsu Football Club) begann in 2005 das Kapitel Kamatamare Sanuki. Sanuki ist der alte Name der heutigen Präfektur Kagawa, während der Teil „Kamatamare“ dem Club überregionale Bekanntheit verlieh. Denn größtes Kulturgut der Region ist eine bestimmte Art von Udon, die auch „Kamatama“ genannt wird, während das italienische „Mare“ (für Meer) den Neologismus vervollständigte. Auch das Logo ziert seitdem eine Schüssel Udon samt typischem Eigelb, das die Form eines Fussballs hat. Seit 2011 ist Sanuki landesweit vertreten. Zunächst in der JFL, ab 2014 für fünf Jahre in der J2, während die Himmelblauen seit 2019 in der J3 eine Heimat gefunden haben. Allerdings hauptsächlich im unteren Tabellendrittel.
Dennoch hält es eine treue Anhängerschaft mit dem Udon-FC (so auch frei übersetzt die Fahne der kleinen Gruppe), die heute die Traversen in Yashima füllten. Etliche Zaunfahnen fanden den Weg an die Balustraden und Wände der Gegengeraden, auf der sich der aktive Anhang versammelte und zu Beginn mit einigen großen Schwenkern und einer Schalparade auf sich aufmerksam machte. Aufgrund des vorherrschenden Trommelverbots (Anwohnerschutz…) in Sachen Koordination etwas limitiert, war der kleine Haufen hinter dem Clubslogan „All for Sanuki“ und mitsamt Ultra Sanuki Schwenker dennoch gut am Werk. Melodisches und sehr langgezogenes Liedgut mit viel Text prägten den Auftritt, der uns richtig gut gefiel. Auch, weil wir viele der Melodien zum ersten Mal von einer Kurve hörten. Da waren anscheinend viele Eigenkreationen dabei. Was es allerdings mit dem Spruchband („Was ist ihr aktuelles Ziel?“) auf sich hatte, erschloss sich uns nicht. Vielleicht war es auf die sportliche Entwicklung bezogen, deren Zeichen auf den üblichen Abstiegskampf deuten. Recht konträr zur erlangten J1-Lizenz im Vorjahr.
Vom Tabellenführer aus Osaka machten sich derweilen etwa 120 Anhänger auf den Weg nach Takamatsu. Eine Anzahl, die für die dritte Liga in Japan absolut in Ordnung ist, zumal es sich beim FCO auch nur um die dritte Kraft aus Osaka handelt. Schön war das dichte Fahnenbild zu Beginn, das auch während des Spiels ein ums andere Mal wieder aufflammte. Hören konnte wir die Gäste aber äußerst selten. Wenn, waren es vor allem die kurzen, sporadischen Schlachtrufe, deren Tonlage auf einen hohen Anteil von Kinder und Frauen schließen ließ. Spannend ist für mich hier die Frage, wie sich ein FC Osaka hinter den Schwergewichten Gamba und Cerezo fantechnisch entwickeln würde, sofern wirklich der Sprung in die J2 gelingt. Mal vorbeischauen im schönen Rugby-Stadion wollen wir in Zukunft aber sowieso mal.

Auf dem richtigen Weg war Osaka auch heute, auch wenn Sanuki in der ersten Hälfte gut dagegen hielt. Doch nach dem Pausentee netzten die Gäste drei Mal, darunter mit einem echten Traumtor zum 0:2 sowie einer direkt verwandelten Ecke zur dritten Bude. Große Enttäuschung natürlich auf den Rängen, wo man sich die Rückkehr in die Heimatstadt definitiv anders vorgestellt hatte.
Da sich die Reihen schnell leerten, machten auch wir uns wieder auf den Weg zum recht vollen Bahnhof, von dem wir die nächste Bahn zurück nach Takamatsu nahmen. Am dortigen Hauptbahnhof gab es nun auch die passende Portion Sanuki-Udon, bevor der autofreie Ausflug während eines Abstechers durch die Innenstadt bestens genutzt wurde. Unwissend stolperten wir in das gerade stattfindende Sanuki Beer Meeting, auf dem zahlreiche lokale Brauereien ihre frischen Brauerzeugnisse feilboten. Da schlugen wir natürlich ordentlich zu, ehe uns eine Kotoden-Bahn deutlich später als geplant zurück zur Bleibe nach Sanjo brachte.
































