Regionalliga: VfB Lübeck – FC Eintracht Norderstedt

29.03.2025
28. Spieltag Regionalliga Nord
VfB Lübeck - FC Eintracht Norderstedt
Stadion an der Lohmühle
Endergebnis: 2:3 (1:1)
Zuschauer: 2.931 (ca. 50 Gäste)
Ticket: 19,50€

Samstagmorgen. Die Sonne schien erbarmungslos durch die freigelassene Lücke des Vorhangs unseres Hotelzimmers, während noch immer der ein oder andere Fangesang des Vorabends durch die Gehirnwindungen wanderte. Ganz so spät wurde es am Vorabend zum Glück nicht, hatten wir doch für den Samstag ein recht strammes Programm geplant. Also raus aus den Federn und erstmal im Viertel auf die Suche nach einem kleinen Frühstück gemacht, wobei die Lust auf frische Franzbrötchen wie eigentlich immer in der Hansestadt siegte. Sind aber auch einfach göttlich, die Dinger!

Gesättigt ging es nun fix zum Hauptbahnhof, von wo aus uns ein RE in einer dreiviertel Stunde zu unserem Tagesziel brachte: Lübeck und seine schöne Altstadt zwischen Trave und Ostseestrand. Premiere für uns, die sich nicht zuletzt aufgrund der mittäglichen Partie in der Regionalliga Nord anbot. Doch zunächst wollte die Stadt in gut zwei Stunden zu Fuß erkundet werden. Holstentor, Salzspeicher, Marktplatz und nördliches Burgtor waren die ausgemachten Highlights der richtig schicken Innenstadt mit ihren zahlreichen Backsteinbauten, die im Einklang mit dem blauen Himmel in großem Maße begeisterten. An den Docks am Nordrand der Altstadt-Insel ließ es sich ebenso gut aushalten, ehe schließlich der näher rückende Anpfiff uns in den Nordwesten der Stadt aufbrechen ließ. Wieder per Pedes, mit einer knappen halben Stunde sowieso die schnellste Alternative.

So erreichten wir das Stadion an der Lohmühle in direkter Nachbarschaft eines Gewerbeparks, deckten uns mit einem Schal für die Sammlung ein und erstanden schließlich zwei Tickets für die Haupttribüne. Die wird hier zwar, wie andernorts auch üblich, in verschiedene Kategorien unterteilt, allerdings seltsamerweise horizontal nach Sitzreihen, wobei die mittleren Plätze die teuersten markieren, während die oberen sowie solche dicht am Spielfeld für deutlich weniger Taler erhältlich waren. Für den Mittelblock Reihe 4 wurde somit weniger fällig als Außen in Höhe der Eckfahne, sofern man denn die billigste Kategorie nahm. Muss man nicht verstehen, aber darf man gerne ausnutzen.

Mit einem kühlen Bierchen in der Hand und Plätzen unter der Sonne war nun T-Shirt-Wetter angesagt, während die Blicke durch die nette, alte Bude schlicht begeisterten. Verblichen das alte Wandgemälde im heute verwaisten Gästeblock, der vor einiger Zeit provisorische Sitze spendiert bekam. Schön vergammelt waren die meisten der Sitze auf der Haupttribüne, während der Anblick der Gegengeraden, auf der noch immer eine alte Holztribüne Platz für Zuschauer bietet, unsere Herzen aufgehen ließ. Bereits seit 1937 erlebte die „Alte Holze“ die geballte Ladung Lübecker Fußball, wurde Zeuge der Spielzeiten des Vorgängervereins SV Polizei Lübeck, ehe sich 1945 der heutige VfB Lübeck gründete. Da man sich als rechtmäßigen Nachfolger des 1933 verbotenen BSV Vorwärts Lübeck sieht, ziert dessen Gründungsjahr 1919 bis Heute das Wappen der Grün-Weißen. Die großen Erfolge umfassen das Erreichen der Bundesliga-Aufstiegsrunde 68/69, die Jahre in der zweiten Liga zwischen 1995 und 97 sowie 2002 bis 2004 sowie das Pokalhalbfinale 2003/2004.

Nach etlichen Jahren Viert- und Fünftklassigkeit feierten die Grün-Weißen zuletzt 2020 und 2023 zwei Aufstiege in die dritte Liga, auf die jedoch in beiden Fällen der direkte Abstieg folgte. Was bleibt ist jedoch das steigende Interesse am VfB sowie die sich so langsam verändernde Lohmühle, deren Pappelkurve, der traditionelle Standort der Fanszene, ein Ausbau samt Dach spendiert bekam. Knapp 10.500 Plätze fasst die nur so vor Patina sprießende Bude aktuell und hoffentlich auch auf lange Zeit, wäre ein weiterer Umbau doch einfach schade. Für die aktuellen, sportlichen Hemisphären reicht die Kapazität aber sowieso zu genüge, wenngleich die knapp 3.000 Zuschauer dann doch etwas über den eigenen Erwartungen lagen. Freut mich, dass selbst in der Regio Nord, die jetzt nicht unbedingt zur attraktivsten vierten Liga des Landes gehört, so viele ihrem eigenen, lokalen Club die Treue halten.

Gespannt waren wir zudem auf die Pappelkurve, kamen wir bis dato nie in den Genuss, den Anhang der Hansestädter unter eigenen Augenschein zu nehmen. Die Kurve zeigte sich zum samstäglichen Kick gegen einen der fantechnisch unattraktiveren Gegner der Liga gut gefüllt, während der Zaun lediglich durch drei große Banner der führenden Gruppen Ultra’ Kollektiv, Boys United und Halunken in die eigenen Farben getaucht wurde. Stück für Stück wurden auch die restlichen Bereiche der Kurve mit Fetzen anderer Gruppen sowie der Sektion für sportliche Ertüchtigung beflaggt, wenngleich die Stufen dahinter größtenteils verwaist blieben. Insgesamt scheint der mittlere, überdachte Bereich die perfekte Größe für die Szene zu haben.

Sowohl Fahneneinsatz als auch Mitmachquote umfassten nicht nur während des Vereinslieds den gesamten Bereich, auch während des Spiels zeigten sich so ziemlich alle der dort Anwesenden durchgängig aktiv. Mittels großer Schwenker und Doppelhalter sowie häufig eingesetzter Schalparaden war es durchweg ein top Bild, das die Kurve hier abgab, während das angestimmte Liedgut durchgehend in guter Lautstärke über den Rasen schallte. Nur selten mussten die beiden Vorsänger die Meute anpeitschen, denn leiser wurde es nur selten. Ein paar Ausreißer nach oben zeigten zudem das vorhandene Potenzial, was eigentlich in der Kurve steckt, sofern der gegenüberliegende Gästeblock mit einem gleichwertigen Gegner bestückt wäre.

Zudem überraschte uns die Liedauswahl im positiven Sinne mit einer nicht erwarteten Kreativität. Weis gar nicht, wie ich drauf komme – vielleicht von den etwas plumpen Texten im BFU-Saisonrückblick, doch der erwartete Einheitsbrei erhielt nur selten Einzug an diesem Nachmittag. Vielmehr wurden den gewohnten Standard-Melodien eigene Kniffe verliehen, während vor allem das Lied auf die ersten Zeilen von „Biene Maja“ richtig schön rüberkam. Ein eigener und eingängiger Stil, der hier gelebt wird. Wohl auch aufgrund der nicht existenten Gästeszene (rund 50 Anhänger aus Norderstedt verfolgten die Partie in Ruhe von der Haupttribüne aus) grüßte die Kurve häufig ihre Feinde aus Kiel, Pauli und Braunschweig, mit denen man sich wohl, trotz jeder Abneigung, nur zu gerne nochmal sportlich als auch auf den Rängen messen würde.

Denn nach dem jüngsten Abstieg aus der dritten Liga ist das triste Niemandsland der tabellarische Alltag des VfB, wobei man zu diesem Zeitpunkt selbst in der eigenen Stadt nur zweite Kraft hinter dem 1.FC Phönix Lübeck war. Und das trotz der Ex-Elversberger Luca Menke und Moritz Göttel (Legende!), die derzeit für die Grün-Weißen die Schuhe schnüren. Allerdings konnten beide nicht verhindern, dass die Gäste im ersten Durchgang die Führung erzielten, die der VfB erst durch einen Foulelfmeter mit Pausenpfiff ausgleichen konnte. Durch einen traumhaften Freistoßtreffer drehten die Hausherren anschließend die Partie, ehe die abstiegsbedrohten Gäste aus der nördlichen Vorstadt Hamburgs es ihnen gleich taten und erneut den Spielausgang kurz vor Schluss drehten. Hängende Gesichter bei den Spielern, aufbauende Schlachtrufe aus der eigenen Kurve, Resignation auf der Haupttribüne.

Für den neutralen Beobachter allerdings ein durchaus ansehnlicher Kick, der nicht nur über 90 Minuten bestens unterhielt, sondern auch für den ersten, leichten Sonnenbrand des Jahres sorgte. Entsprechend zufrieden mit dem Erlebten ging es nun erneut auf einen Fußmarsch, der uns zurück zum Hauptbahnhof führte. Per RE fix zurück nach Hamburg, kurz im Hotelzimmer durchschnaufen, dann ab ins Nachtleben. Gut Essen unweit des Rathauses, dann eine Runde über den hell erleuchteten Dom auf dem Heiligengeistfeld, der deutlich größer ausfiel, als jemals erwartet. Bin noch selten fast eine Stunde über einen vergleichbaren Jahrmarkt gewandert. Der Bierdurst trieb mich anschließend zu Brewdog auf der Reeperbahn (nachdem wir vor kurzem feststellen mussten, dass unser Laden in Frankfurt über Nacht verschwunden war, tatsächlich ein erfreulicher Besuch), ehe wir im Karolinenviertel in einer Bar bis zur Zeitumstellung versackten. Große Empfehlung an dieser Stelle an Izakaya by Dokuwa – astreiner Laden!

Kurz hingegen die folgende Nacht, in anderen Worten: Augenringe bis zum Boden, dazu Regen, den der Wind unaufhörlich gegen das Fenster des Hotelzimmers prasseln ließ. Ein fixer Blick auf den Plan für den Sonntag offenbarte zwei Möglichkeiten: Nochmal Regio Nord, dieses Mal Pauli II gegen Todesfelde in Norderstedt, oder aber irgendwas vorm ikonischen Bunker. Am Ende wurde es Option drei: Gar nichts. Irgendwie schafften wir es, jeglicher Planung die Attraktivität abzusprechen und blieben erstmal bis Ultimo in unserer Bude, ehe wir eine Bekannte vom Vorabend nochmal zu Mittag trafen. Anschließend eine kurze Regenpause für eine Runde entlang der Landungsbrücken genutzt, ehe auch schon der abendliche ICE gen Frankfurt wartete. Bisschen blödes Ende aufgrund des Wetters, allerdings war es unterm Strich einfach ein geniales Wochenende. Allein für solche Touren wir Samstag nach Lübeck sowie die anschließende, unvergessliche Nacht sind wir immer wieder gerne unterwegs!

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